1.3 Darʾ taʿārudh al-ʿaql wa an-naql

1.3 Darʾ taʿārudh al-ʿaql wa an-naql Yusuf Kuhn

Gehen wir nun über zu Darʾ taʿārudh al-ʿaql wa an-naql.

1.3.1 Zum Titel

Darʾ taʿārudh ist eines der umfangreichsten Bücher, die Ibn Taymiyya geschrieben hat. Ibn Taymiyya hat viele Abhandlungen und fatāwā (Fatwas) verfasst. Sie füllen in modernem Druck 7-8 Regale. Darʾ taʿārudh allein umfasst dabei ca. 10-11 Bände.

Der Titel stammt von Ibn Taymiyya selbst: Darʾ taʿārudh al-ʿaql wa an-naql - Vermeidung des Konflikts von Vernunft und Schrift.

In einem anderen Text nennt er es: muwāfaqa an-naql as-sarīh wa al-ʿaql as-sahīh - Versöhnung der expliziten Schrift mit dem korrekten Intellekt (oder mit anderen Worten: Übereinstimmung der klaren Offenbarung und der richtigen Vernunft).

Daraus ersieht man sogleich, dass Ibn Taymiyya eine ganz andere Philosophie entwickelt als ar-Rāzī, der von einem Konflikt von ʿaql und naql ausgeht.

1.3.2 Darstellung des Inhalts

Ich werde Darʾ taʿārudh in einer knappen Zusammenfassung referieren. In meiner Dissertation habe ich den Inhalt weit ausführlicher dargelegt, indem ich hundert Seiten auf seine Zusammenfassung verwandt habe. Hier möchte ich einige der wichtigsten Punkte umreißen.

1.3.2.1 Die Interpretationsregel al-qānūn al-kullī

Ibn Taymiyya zitiert auf der ersten Seite wörtlich den letzten Absatz des Asās von ar-Rāzī, in dem dieser al-qānūn al-kullī (die allgemeine Regel) darstellt. Er bringt mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck, dass es ihm um eine Widerlegung von al-qānūn al-kullī geht.

Den wesentlichen Gehalt der Interpretationsregel namens al-qānūn al-kullī gibt Ibn Taymiyya folgendermaßen an:

Wenn ʿaql und naql in einem Widerspruch stehen, müssen wir ʿaql gegenüber naql vorziehen und naql gemäß ʿaql interpretieren.

Dann kommentiert Ibn Taymiyya:

Diese Angelegenheit der Interpretation von naql mit ʿaql ist der Eckstein (die Hauptstütze) aller Häresie (ilhād) und Abweichung. Das ist die Prämisse, von der ausgehend allerlei Gruppen Unordnung schaffen. Das ist die Quelle, der die Häresie entspringt.

1.3.2.2… und ihre Widerlegung

Diese These kann auf zweierlei Weise widerlegt werden: allgemein und spezifisch.

1.3.2.2.1 Abänderung der Religion

Die Widerlegung auf allgemeine Weise besagt, dass dies schlicht nicht ist, worum es im Islam geht.

Ibn Taymiyya bezieht sich auf eine detaillierte Analyse des Christentums. Er war ein Kenner der christlichen Polemik. Eines seiner umfangreichsten Bücher ist eine Widerlegung des Christentums: al-Dschawāb as-sahīh li-man baddala dīn al-masīh (Die richtige Antwort an den, der die Religion des Messias abändert).

Ibn Taymiyya sagt, dass die Umdeutung durch die Anwendung der Interpretationsregel eben genau das ist, was die Christen mit ihrer Religion getan haben. Die Christen haben ihre Doktrinen mittels ihrer Konzile abgefasst (z.B. Konzil von Nicäa usw.). Dann nahmen sie diese Doktrinen als ihr asl (Grundlage). Und daraufhin betrachteten sie ihren naql im Lichte dieses asl. Dadurch sind sie dazu gelangt, Trinität, Erlösung und Erbsünde in die Offenbarung hineinzulesen, obgleich ihre Schrift zu diesen Fragen entweder ganz schweigt oder ambig (mehrdeutig) ist.

Ibn Taymiyya unternimmt sodann eine spezifische Widerlegung, die in die Einzelheiten geht. 44 Punkte werden in zehn Bänden abgehandelt. Wir werden etwa zehn davon behandeln. Und dann werde ich alle 44 Punkte knapp zusammenfassen und unter bestimmte Titel gruppieren.

1.3.2.2.2 Unterscheidung der Belege: ʿaqlī-naqlī oder yaqīnī?

Ibn Taymiyya stellt diese 44 Punkte überblickend ganz allgemein fest:

Die binäre Unterscheidung der Belege in entweder rational (ʿaqlī) oder textlich (naqlī) ist falsch.

Das ist eine inkorrekte Weise, die Welt zu betrachten. Denn dadurch wird ein Konflikt erzeugt.

Belege sollten stattdessen hinsichtlich ihrer Unbezweifelbarkeit, also ihres yaqīn-Status (Status der Gewissheit) betrachtet und gewertet werden.

Damit ist gemeint: Wenn ʿaql yaqīn ist, geben wir ʿaql den Vorrang, nicht weil es ʿaql ist, sondern weil es yaqīn ist. Und wenn naql yaqīn ist, geben wir naql den Vorrang, nicht weil es naql ist, sondern weil es yaqīn ist.

Wir sollten den Wert der Belege nicht danach bemessen, ob es ʿaql oder naql ist, sondern gemäß ihres Grades der Evidenz.

Die Aufstellung dieser binären Demarkation (Abgrenzung) ist an sich schon falsch.

Die Behauptung, dass ʿaql die Grundlage für die Annahme von naql ist, lässt sich besser verstehen, wenn man den Aschʿarismus kurz näher betrachtet.

1.3.2.2.3 Aschʿarismus: naql gründet im ʿaql

Die aschʿaritische Theologie (kalām) behandelt die ʿaqīda (Glaubenslehre) auf eine strikt festgelegte Weise, mit einer ganz bestimmten Methode.

An den Beginn der Argumentation wird eine tabula rasa (leere Tafel) gesetzt: Der Geist ist leer. Daher ist es notwendig, rational zu beweisen, dass Gott existiert. Und im nächsten Schritt muss rational bewiesen werden, dass Gott Propheten sendet; und dann, dass der Prophet Wunder bringen muss; und dann, dass Muhammad (sas) ein wahrer Prophet ist. Daraufhin nimmt man den Glauben an. Denn die Aschʿariten wollten keinen blinden Glauben, al-imān al-muqallid. Blinder Glaube wird von ihnen missbilligt, womöglich sogar nicht einmal anerkannt.

Den Aschʿariten zufolge besteht die erste Pflicht des verantwortlichen Menschen mit gesundem Verstand (mukallaf) darin, seinen Glauben zu durchdenken, d. h. rational zu durchdringen und zu begründen.

ar-Rāzī bezieht in diesem Sinne Position: ʿaql kommt vor naql, denn ʿaql führt uns zu naql. Wenn wir einen Widerspruch finden und deshalb ʿaql verwerfen, verwerfen wir daher auch naql.

1.3.2.2.4 Ibn Taymiyyas Erwiderung: naql von ʿaql unabhängig

Ibn Taymiyya hingegen sagt: Deine Behauptung, dass ʿaql den Vorrang vor naql hat, ist nicht richtig, denn was naql feststellt, ist unabhängig von ʿaql. Was Allah und Sein Gesandter sagen, ist wahr ungeachtet dessen, ob du es weißt oder nicht oder ob dein ʿaql es versteht oder nicht.

Was die aschʿaritischen Gelehrten sagen, ist in Wirklichkeit, dass die Wahrheit der Schrift für sie von ihrem ʿaql abhängig ist, nicht die Wahrheit der Schrift an sich.

Das ist ein sehr tiefgründiger und bedeutungsvoller Punkt. Die Wahrheit der Schrift kann nicht von meinem oder deinem Geist abhängig sein. Denn sie ist kalām Allāh, das Wort Allahs.

Ob jemand den Koran als kalām Allāh annimmt, fügt diesem nichts hinzu, ändert nichts an der Tatsache, dass er kalām Allāh ist. kalām Allāh ist völlig unabhängig davon, ob jemand ihn annimmt oder nicht. schaitān (Satan) lehnt ihn ab – was ändert das? Das ändert die Eigenschaften des Koran nicht.

Sie müssen vielmehr verstehen, dass die Wahrheit von naql von ihrem ʿaql abhängig ist. Das ist wahr, aber nicht, dass die Wahrheit von naql unbedingt von ihrem ʿaql abhängig ist.

1.3.2.2.5 Was meinst du mit ʿaql (Vernunft)?

Ibn Taymiyya fährt fort – und das ist einer der wichtigsten Punkte in Darʾ -, indem er eine Frage aufwirft:

Was genau meinst du mit ʿaql?

Wenn du mit ʿaql den inneren Instinkt (gharīza) meinst, den die Menschen als natürliche Veranlagung besitzen, dann ist diese Annahme völlig falsch. Denn dieser innere Instinkt ist gar nicht fähig, der Schrift zu widersprechen.

Wenn du mit ʿaql das erworbene Wissen (z.B. Physik, Mathematik, Biologie) meinst, dann ist dies in diesem Fall auch nicht richtig, und zwar aus folgenden Gründen (Ibn Taymiyya bringt hier viele Einzelheiten):

1. Erworbenes Wissen unterscheidet sich von Zeit zu Zeit, von Ort zu Ort, von Person zu Person. Was jemand heute für Vernunft hält, von dem wird er selbst morgen entdecken, dass es nicht Vernunft ist. Und was in einer Gesellschaft heute als Vernunft gilt, dazu wird eine andere Gesellschaft morgen sagen, dass es nicht Vernunft ist. Historisch gesehen, sind solide erscheinende rationale Beweise, insbesondere ethischer und metaphysischer Art, die von ʿaql abgeleitet sind, wandelbar. Sie verändern sich in der Geschichte. Das kann man nicht bestreiten.

2. Eine andere Annahme von ar-Rāzī und der aschʿaritischen Schule ist die Einheit der Vernunft: Sie machen ʿaql zu einer einzigen großen und unteilbaren Entität. Das ist aber falsch. Was die Wahrheit von naql bewiesen hat, ist ein Teil von all dem, was man hat, ein Teil von deinem ʿaql. Dieser Teil hat bewiesen, dass Muhammad (sas) ein Prophet ist. Was nun vom Propheten kommt, könnte einem anderen Teil deines ʿaql widersprechen. Er teilt ʿaql in viele Teile auf. Und er sagt, dass der Teil, der bewiesen hat, dass er ein Prophet ist, nichts zu tun hat mit Allahs Namen und Attributen oder irgendeinem anderen Teil. Es gibt also keinen Konflikt zwischen ʿaql und naql, sondern zwischen einem Teil von ʿaql mit einem anderen Teil von ʿaql, der unabhängig von naql ist.

3. Das ist ein Widerspruch im Denken. Denn du weißt entweder, dass der Prophet (sas) ein wahrer Prophet ist, oder nicht. Wenn er ein wahrer Prophet ist, dann verlangt ʿaql, dass du ihn annimmst. Wenn er kein wahrer Prophet ist, gibt es ohnehin keinen Konflikt. Du widersprichst dir sonst selbst. Es ist, als ob du zu dir selbst sagen würdest: Glaube nicht, wovon du weißt, dass es wahr sein muss, weil es in Widerspruch zur Wahrhaftigkeit der Person steht, die spricht.

Mit anderen Worten: Du kommst dahin, den Propheten abzulehnen, weil du ihn nicht ablehnen wolltest. Warum hast du diesen Hadith abgelehnt? Weil den Hadith anzunehmen, bedeuten würde, ihn als Propheten abzulehnen.

ar-Rāzīs Hauptpunkt besagt: Wenn ich etwas annehme, dessen Annahme intellektuell (oder rational) für mich unmöglich ist, dann ziehe ich meinen Intellekt (oder meine Vernunft) in Zweifel, wenn er (oder sie) mir sagt, dass dieser Mann ein Prophet von Allah ist.

Wenn mein Intellekt (oder Vernunft) sich hinsichtlich dieses bestimmten hadīth oder āya (Koranvers) irrt, dann irrt er (oder sie) sich vielleicht auch darüber, dass er ein Prophet ist oder dass dies ein Buch von Gott ist. Um also den Propheten (sas) nicht abzulehnen, muss ich den Propheten (sas) ablehnen. Um den Propheten (sas) nicht abzulehnen, muss ich diesen Hadith ablehnen. Und du kommst schließlich dahin, genau das zu tun, was du ursprünglich eben nicht tun wolltest. Das ist offensichtlich ein logischer Fehlschluss (Fehler, Irrtum).

1.3.2.2.6 al-qānūn al-kullī und sein Gegenteil

Ibn Taymiyya stellt im 6. Punkt fest:

Würde man das Gegenteil behaupten, so wäre es der Wahrheit näher als al-qānūn al-kullī.

Was ist das Gegenteil?

Wenn ʿaql und naql sich widersprechen, sollten wir naql den Vorrang geben.

Wenn man das sagen würde – Ibn Taymiyya sagt es nicht-, so würde es logisch und rational mehr Sinn machen. Denn ʿaql beweist, dass naql als Ganzes wahr und gültig ist. Wenn es eine bestimmte Frage gibt, die ʿaql nicht versteht, macht es Sinn, diese Sache einfach anzunehmen und die Grenzen von ʿaql anzuerkennen. Denn ʿaql hat die Gültigkeit von naql im allgemeinen bestätigt. Aber naql hat nicht die Gültigkeit von jedem ʿaql bestätigt. Diese Beziehung ist also nur in eine Richtung gültig.

Wir wissen, dass der Koran kalām Allāh (Wort Allahs) ist. Wenn wir auf eine āya stoßen, die wir nicht verstehen, sagt uns ʿaql unter der Voraussetzung, dass wir wissen, dass der Koran kalām Allāh ist: das genügt, wir nehmen es an. Unser ʿaql sollte uns dies sagen.

Dafür gibt Ibn Taymiyya ein schönes Beispiel:

Stell dir vor, ein Fremder kommt in eine Stadt und hat eine Frage zum fiqh (Recht/Moral). Er möchte daher einen Mufti fragen. Da findet er jemanden in der Moschee und fragt ihn, wo der Mufti ist. Er antwortet: »Ich bringe dich zu unserem großen Mufti, den besten Mufti der Stadt.« Er nimmt ihn bei der Hand und bringt ihn zum Mufti. Der Fremde stellt dem Mufti eine Frage. Der Mufti erteilt seine fatwā (Fatwa). Auf dem Rückweg sagt sein Führer: »Nein, nein, weißt du, der Mufti liegt falsch. Tut mir leid, ich kann dem Mufti nicht zustimmen. Er hat Unrecht.« Der Fremde sagt: »Aber du hast mir doch gesagt, dass er der Mufti ist.« »Ja, aber das macht keinen Sinn, du musst meiner Meinung folgen.« Der Mann sagt – und nun spricht Ibn Taymiyya: »Nein, die Tatsache, dass du bezeugt hast, dass er der Mufti ist und der beste Mufti der Stadt, bedeutet, dass dies die Person ist, deren fatwā ich annehmen muss. Und die Tatsache, dass du mit einer fatwā von ihm nicht einverstanden bist, macht deine frühere Bezeugung, dass er der große Mufti der Stadt ist, nicht zunichte.«

Und eben dies kennzeichnet die Rolle von ʿaql und naql für Ibn Taymiyya: ʿaql sagt, dass naql kalām Allāh ist. Wenn nun eine bestimmte āya nicht verstanden wird, so macht es nicht die Bezeugung zunichte, dass naql kalām Allāh ist. Das ist ein interessanter Punkt.

1.3.2.2.7 Konflikte zwischen ʿaql und naql sind nie rein rational

Ibn Taymiyya vertritt auch folgende Auffassung:

Wenn es Konflikte zwischen ʿaql und naql gibt, so treten diese Konflikte immer in Bereichen auf, die nicht rein intellektuell (oder auf Vernunft basierend) sind. Nie tritt ein Konflikt in einem Bereich auf, der rein mathematisch oder wissenschaftlich ist, sondern in der Ethik, bei Gottes Attributen, in philosophischen Fragen.

Die klarste ʿaqlī-Wissenschaft (Vernunftwissenschaft) ist Mathematik. Wenn Mathematik und Wissenschaft nie im Widerspruch zum Koran stehen können, erwartest du dann, dass es einen Konflikt auf dem Gebiet der Ethik oder anderen feineren (weniger harten) Bereichen geben soll? Das macht keinen Sinn.

1.3.2.2.8 Das Schleusentor-Argument

Ibn Taymiyya bringt noch ein weiteres Argument:

Wer immer diese Tür für eine Sache, die potentiell problematisch für etwas ʿaqlī (Vernunftbasiertes) ist, öffnet, öffnet die Tür für jede Sache, die problematisch für etwas ʿaqlī ist.

Gemeint ist damit folgendes:

Die Aschʿariten finden Gottes Attribute im Koran problematisch. Deshalb reinterpretieren sie alle sifāt (Attribute), wie es ihnen nötig erscheint. Was hält dann andere davon ab, eine andere Sache problematisch zu finden, die heute nicht problematisch ist, wenn ʿaql etwas Neues findet oder entdeckt?

Denn ʿaql ändert sich ständig, erweitert stets seine Horizonte. Wenn man also diese Tür öffnet, wird man sie nicht mehr schließen können. Das ist das Schleusentor-Argument.

1.3.2.2.9 Doppelstandard bei der Anwendung des qānūn

Ibn Taymiyya legt dann dar – und das ist ein sehr tiefgründiger Punkt:

Es ist widersprüchlich, diese Regel in einem Bereich zu verwenden, aber nicht in einem anderem. Die Aschʿariten (ar-Rāzī und al-Ghazālī) wenden diese Regel auf die Attribute Allahs an, aber wenn die falāsifa (Philosophen) dies hinsichtlich dschanna (Paradies) und nār (Feuer, Hölle) tun, sagen sie, letztere seien kāfir (Nicht-Muslime).

So vertritt beispielsweise al-Ghazālī im Tahāfut folgende Auffassung:

Da Ibn Sīnā dschanna und nār sowie die leibliche Auferstehung verwirft und taʾwīl darauf anwendet, ist er kein Muslim. Ibn Taymiyya stimmt darin al-Ghazālī zu.

Ibn Taymiyya sagt dazu:

Ihr (Aschʿariten) tut in einem bestimmten Bereich genau das, was sie (falāsifa) in einem anderen tun, nämlich aufgrund einer intellektuellen (vernunftbasierten) Prämisse Hunderte von āyāt und ahādīth zu reinterpretieren. Das ist ein Doppelstandard: Das Ergebnis ist nur davon abhängig, um welches Thema es sich handelt. Bei qiyāma (Auferstehung) z.B. – da darüber allgemeiner Konsens herrscht – wird dies nicht angewendet, bei anderen Themen aber schon – wo doch die āyāt zu den Attributen Allahs zahlreicher sind als zu dschanna und nār. Ihr (Aschʿariten) macht das mit mehr āyāt als sie (falāsifa) und glaubt, das sei erlaubt. Hier liegt offensichtlich ein Problem vor.

1.3.2.2.10 Welche Vernunft? Wessen Vernunft?

Ibn Taymiyya stellt folgende Frage:

Auf welchen ʿaql bezieht ihr euch? Auf den ʿaql welcher Gruppe?

Daraufhin macht er eine sarkastische Bemerkung: Wenn man die Muʿtaziliten und Aschʿariten betrachtet, so haben sie dank Allah so viel ʿaql – und doch stimmen sie miteinander nicht überein.

Ibn Taymiyya bringt eine Liste von ca. 50 Gelehrten und zeigt, dass sie sich alle gegenseitig widerlegt haben – aufgrund von ʿaqlī-Beweisen (vernunftbasierten Beweisen).

Welchen ʿaql unter diesen ganzen ʿuqūl (Plural von ʿaql) soll ich also wählen, um Koran und Sunna zu beurteilen?

Er macht sie zum Gespött: Ihr haltet euch für Leute des Intellekts (der Vernunft). Wenn ʿaql eine einheitliche Sache wäre, müsste man doch erwarten, dass alle diese vernünftigen Gelehrten sich auf etwas einigen könnten. Aber in Wirklichkeit unterscheidet sich jede Gruppe von ihnen von jeder anderen, so dass alle unterschiedliche Auffassungen davon haben, was rational oder intellektuell möglich ist. Und innerhalb jeder Gruppe gibt es wieder ein ganzes Spektrum. Und es gibt nichts, was diese Gruppen oder Gelehrten intellektuell (oder vernünftig) nennen und sie verbindet.

So wird das Intellektuelle (oder Vernünftige) das, was du für die Wahrheit hältst. Du nennst es einfach ʿaqlī. Denn es gibt keine übereinstimmend anerkannte Art von ʿaql, auf die sich alle einigen könnten.

1.3.2.2.11 Der bereuende Philosoph oder mutakallim

Ein Motiv, das bei Ibn Taymiyya besonders beliebt ist und in vielen Büchern wiederkehrt, ist das des bereuenden Philosophen oder mutakallim.

Die Mehrheit der Philosophen und mutakillimūn, die sich durch Aufrichtigkeit ausgezeichnet haben, sind gegen Ende ihres Lebens von Reue befallen worden. Sie haben schließlich erkannt, dass sie nicht richtig vorgegangen waren, denn sie haben etwas getan, was sogar mehr Zweifel und Verwirrung hervorgerufen hat. Ganz besonders gerne zitierte er al-Aschʿarī selbst, der mehrere Phasen durchgemacht und gegen Ende seines Lebens al-Ibāna geschrieben hat, sowie al-Ghazālī, der im Sterben liegend den Sahīh al-Bukhārī (Hadithsammlung) in Händen gehalten und gesagt hat: »Das ist meine ʿaqīda hier in diesem Buch Sahīh al-Bukhārī.« Und Gleiches gilt für al-Dschuwaynī, der seine Studenten unterwies: »Geht nicht in diesen philosophischen kalām, in den ich gegangen bin, denn das hat mich zerstört.«

ar-Rāzī hat am Ende seines Lebens eine wasiyya (Testament) geschrieben, die erhalten ist. Sie hat drei Seiten. Man findet sie in den Biographien von ar-Rāzī. An ihr Ende setzte er ein Gedicht, das besagt:

Das Endergebnis des ʿilm al-kalām (Wissenschaft des kalām), dieses intellektuelle … [unverständlich] hat mich behindert. Alles, was es uns gebracht hat, ist, dass der eine dies sagt und der andere jenes. … Ich habe den Koran gelesen, und nichts war klar in der Theologie außer dem Koran. Lies Allahs Attribute, wenn Er behauptet, so und so zu sein (z.B. istawā). Und lies die Negation: »Nichts ist Ihm gleich« (Koran 112:4). Das ist so einfach, belasse es dabei.

Das ist ar-Rāzīs wasiyya. Sie ist gültig. Er hat sie selbst geschrieben. Er bringt damit letztlich folgendes zum Ausdruck: Ich habe mein ganzes Leben vergeudet; nichts ist besser und einfacher als der Koran.

Und Ibn Taymiyya schließt an:

Sie alle haben am Ende ihres Lebens bereut und dies gesagt; warum folgst du denn nicht ihrer Reue?

1.3.2.2.12 Vernunft und Gewissheit

Ibn Taymiyya hält seinen Gegnern zudem vor:

Vieles von dem, wovon ihr behauptet, dass es intellektuell (vernunftbasiert) sei, ist nicht intellektuell (vernunftbasiert, ʿaqlī), sondern dhannī (mutmaßend, ungewiss). Es ist nicht auf Vernunft gegründetes sicheres Wissen, sondern basiert bloß auf Vermutung.

Ihr habt diese Konzepte absichtlich mit schwieriger Sprache verdunkelt, mit einer Art des Schreibens und der Rhetorik, die für den durchschnittlichen Leser schwierig ist. Und wenn euch jemand mit etwas herausfordert, was trivial und grundlegend (basal) ist, dann verwerft ihr dies einfach, indem ihr sagt: Das hast du nicht richtig verstanden, das ist zu kompliziert für dich.

Wenn ein einfacher Student kommt und die Falschheit des Ganzen durch einfache Fragen aufzeigt, dann wird er abgewiesen. Und da es jetzt eine Gilde gibt, muss er, wenn er dazugehören will, die Anerkennung dieser Gilde finden, indem er sich anpasst und einfügt.

1.3.2.3 Kategorisierung der Kritikpunkte

Die 44 Punkte, die im Darʾ behandelt werden, lassen sich in breitere Motive zusammenfassen. Eine Kategorisierung in sechs Gruppen bietet sich an:

1.3.2.3.1 Glaubensgestützte Argumente

Es folgt eine Reihe von glaubensgestützten Argumenten. Sie betreffen 17 von 44 Punkten.

Der Koran oder der Prophet Muhammad (sas) wird in das Argument einbezogen, wie im folgenden Beispiel:

Wenn der Prophet definitiv gesprochen hat, dann kann ihm nichts widersprechen, denn dies würde die Wahrheit seines Prophetentums untergraben. Wenn er wirklich als rasūl Allāh (Gesandter Allahs) spricht, dann spricht er die Wahrheit.

Das Wesen des Islam ist istislām, Unterwerfung unter Allah und Seinen Propheten. Daher ist ein bedingter Glaube an den Propheten kein Glaube an den Propheten. Glaube ist also nicht: Ich glaube so lange an ihn, als mein ʿaql damit übereinstimmt.

Dazu lässt sich eine Geschichte erzählen:

Ein Beduine kam zum Propheten und sagte zu ihm: »Ich glaube an dich, wenn du mich zum König nach dir machst.« Dieser Glaube als bedingter wird nicht anerkannt.

Die Absicht des Propheten war, genau die theologischen Fragen zu erklären, welche die Philosophen und mutakallimūn problematisch finden. Seine Rolle bestand darin, ʿilm al-ghayb (Wissen des Verborgenen) in dem höchstmöglichen Maße zu erklären, in dem wir es wissen müssen. Und seine eigentliche Rolle würde dadurch geschmälert, wenn wir sagten, dass er in dieser Rolle nicht anerkannt werden könnte.

Der Koran beschreibt sich selbst als Quelle der Rechtleitung, Licht, Barmherzigkeit, in klarem Arabisch, leicht zu verstehen. Aber ihr behauptet, dass der Koran widersprüchlich und ein Buch von Symbolen und Interpretationen sei. Doch der Koran beschreibt sich selbst nie auf diese Weise.

Der Koran selbst kritisiert die Leute, die meinen, dass seine Botschaft irregeleitet sei. Er kritisiert die Leute des Buches (ahl al-kitāb), weil sie mit ihrem Buch tun, was die Leute mittels al-qānūn al-kullī mit dem Koran machen: etwas ändern, hinzufügen, weglassen. Wenn man davon ausgeht, dass es einen Konflikt zwischen ʿaql und naql gibt, so muss man mit dem Koran machen, was jene Leute mit ihrem Buch getan haben.

Das waren glaubensgestützte Argumente, die im Kern etwa besagen:

Der Glaube an den qānūn macht den Glauben an Koran und Sunna sinnlos. Zu sagen, dass ʿaql über naql steht, macht naql nutzlos.

1.3.2.3.2 Kritik der Prämissen und der Struktur des qānūn

Ibn Taymiyya greift die Prämissen des qānūn und die Struktur seiner Formulierung an, wie beispielsweise die binäre Unterscheidung von ʿaql und naql, die er für falsch erachtet.

Die apriorische Annahme der mutakallimūn, dass der Koran nicht richtig verstanden werden könne, weil er symbolisch und schwer verständlich sei, ist ebenfalls falsch. Denn der Koran ist in klarem Arabisch. Der Koran selbst sagt, dass er verständlich ist.

1.3.2.3.3 Was ist ʿaql? Was ist Vernunft?

Mindestens acht Punkte beziehen sich auf die Frage nach der Definition von ʿaql, von Rationalität:

Was ist ʿaql? Was ist Vernunft?

ʿaql ist nicht eine einzige unteilbare Entität. Jede Gruppe hat ein anderes Verständnis davon, was ʿaql ist.

Zudem sind ʿaqlī-Aussagen nicht absolut, sondern relativ. Was für einen ʿaqlī ist, muss es nicht für einen anderen sein; ʿaql ist relativ in Bezug Zeit und Kontext.

Es ist vielmehr die Offenbarung, die unveränderlich ist. ʿaql jedoch ändert sich fortwährend.

Vieles von dem, was als ʿaqlī gilt, stellt sich bei genauerer Betrachtung als dhannī (mutmaßend, ungewiss) heraus. Es ist einfach hawā, Wunsch, in pseudo-intellektuelle Sprache gehüllt, aber nicht wirklich wissenschaftlich. Es kann sogar gezeigt werden, dass es irrational oder widersprüchlich ist.

1.3.2.4 Koran und Wissenschaft

Ibn Taymiyya erachtet folgendes Argument als noch überzeugender:

Die Leute, die dem Koran widersprechen, tun dies in Bereichen, die pseudo-wissenschaftlich sind, also in der Theologie, nicht in der Mathematik oder Astronomie. Der Koran kann nie der Wissenschaft widersprechen.

Das Verhältnis von Koran und Wissenschaft ist heute wegen der Evolutionstheorie ein großes Thema. Zu Ibn Taymiyyas Zeiten gab es nichts, was dem Koran wissenschaftlich widersprochen hat. In unserer Zeit stellt sich diese Frage aber wegen der Evolutionstheorie. Vor der Evolutionstheorie war es praktisch unmöglich, eine wissenschaftliche yaqīnī-Evidenz (sichere, gewisse Evidenz) zu finden, die im Widerspruch zu etwas klar Koranischem stand.

Die Evolutionstheorie wirft also zum ersten Mal in unserer Geschichte dieses Problem auf. Zuvor hat es nie etwas wissenschaftlich so Solides gegeben, was im Widerspruch zur expliziten Schrift zu stehen scheint.

Daher kann Ibn Taymiyya voller Überzeugung schreiben, dass die physikalischen Wissenschaften – Physik, Chemie, Biologie – nie im Widerspruch zu Koran und Sunna standen. Die Theologie hingegen ist nur Pseudo-Wissenschaft, eine philosophische Wissenschaft. Wer behauptet, dass es damit einen Konflikt gibt, darf nicht übersehen, dass allerdings die echten Wissenschaften nie mit Koran und Sunna konfligieren.

1.3.2.5 Wird die Offenbarung durch den qānūn überflüssig?

Der qānūn führt problematische und kritikwürdige Korollarien mit sich: die notwendigen Verifikationen des qānūn. Wenn jeder Text des Koran vom ʿaql her verifiziert werden muss, dann hat man die Integrität des ganzen Koran verletzt. Dadurch wird die Offenbarung des Koran überflüssig gemacht. Wenn ʿaql jede einzelne āya beurteilt, was ist dann der Sinn der Offenbarung des Koran?

Das würde dazu führen, dass jede einzelne Person ihren eigenen Islam hätte. Denn der ʿaql jeder Person ist unterschiedlich. Das Folgen des Propheten wäre überflüssig. Und wahy, Offenbarung wäre sinnlos.

Es gibt noch weitere Punkte, die hier nicht mehr angeführt werden können.

1.3.3 Denken geht vor Handeln

In Punkt 38 gibt es einen Absatz, der sehr bedeutungsvoll für den modernen Islam ist.

Es steht fest, dass al-masāʾil al-ʿilmiyya (Fragen des Wissens) wichtiger sind, größere Bedeutung besitzen als al-masāʾil al-ʿamaliyya (Fragen des Handelns). Theologie ist wichtiger als Recht. Jeder stimmt dem zu. Das ist eine gegebene Tatsache, eine Selbstverständlichkeit. Zu Ibn Taymiyyas Zeit war dies so.

Worüber argumentieren die Muʿtaziliten, Aschʿariten und Schiʿiten? Nicht über fiqh (Recht/Moral), ihr fiqh stimmt zu 99% überein. Das Trennende ist die ʿaqīda, die Theologie.

In unserer Gegenwart hat sich dieses Verhältnis, das vordem im Großteil der umma (muslimische Gemeinschaft) als fragloses Paradigma galt, umgekehrt. Theologie ist in den Hintergrund gerückt. Wir interessieren uns im Großen und Ganzen nicht so sehr dafür. Themen wie Imamat, Attribute Allahs, qadr (Bestimmung) gelten als Kontroversen der Vergangenheit.

Was sind die heißen Themen unserer Zeit? Sexualität, Rolle der Frau, fiqh-Fragen, Freiheit, Demokratie, Regierungsformen usw.