1.6.2 Zur ersten Einleitung
1.6.2 Zur ersten Einleitung Yusuf KuhnIn der ersten Einleitung wird auf die Vielzahl der Unterschiede zwischen den Philosophen verwiesen, die sich einer Darstellung entziehen. Daher will al-Ghazālī sich auf den »Aufweis der Widersprüche in den Anschauungen ihres Führers beschränken, den Philosophen schlechthin und »den ersten Lehrer« (al-muʿallim al-awwal)« (Tahāfut, S. 4), namentlich Aristoteles, der diesen Rang verdient, da er ihre Wissenschaften systematisch organisiert und entwickelt hat.
al-Ghazālī bringt eine harsche Kritik gegen die Philosophen vor: Sie urteilen auf der Grundlage von Mutmaßung, ohne Verifikation und Gewissheit. Um dies zu verschleiern, setzen sie den trügerischen Glanz von Mathematik und Logik ein, mit dem sie den Anschein erwecken, auch ihre Metaphysik würde den gleichen Ansprüchen an methodisch gesicherte Wahrheit genügen, was die Schwachen im Geiste zu verlocken vermag. al-Ghazālī hält dagegen:
Wären ihre metaphysischen Wissenschaften ebenso vollkommen in der Beweisführung und frei von Vermutung wie ihre mathematischen Wissenschaften, wären sie in den ersteren nicht uneins gewesen, wie sie auch in der Mathematik nicht uneins waren. (S. 4)
Das ist ein durchaus gewichtiges und ernstzunehmendes Argument gegen ein Denken, das sich ganz der logischen Beweisführung im Rahmen axiomatisch aufgebauter Theorien verschrieben hat und deren Modell, dem alle Theorien nachzubilden sind, die euklidische Geometrie ist. Vielfalt der Meinungen ist in einem System unter der Herrschaft des Prinzips der Widerspruchsfreiheit ausgeschlossen und untrügliches Anzeichen für Falschheit. Die Einheit der so verstandenen Vernunft lässt solche Vielfalt nicht zu. Das hat al-Ghazālī klar erkannt und gegen die Philosophen gewendet.
Überdies gibt es auch Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Übersetzung und Interpretation des Aristoteles. Um dieser unübersichtlichen Wirrnis aus dem Weg zu gehen, beschließt al-Ghazālī sich auf die zuverlässigsten Vermittler des aristotelischen Denkens zu beschränken, namentlich auf al-Fārābī und Ibn Sīnā. Denn sie haben schon eine Vorauswahl der besten Lehren ihres Meisters getroffen. Und es genügt daher, sich bei der Widerlegung auf sie zu konzentrieren.