01 Zum Titel: Faysal at-tafriqa

Autor: Yusuf Kuhn - Do., 01.02.2018 - 17:51

Der Titel auf Arabisch lautet: Faysal at-tafriqa bayna al-islām wa az-zandaqa.

Griffel übersetzt: Das Kriterium der Unterscheidung zwischen Islam und Gottlosigkeit.

Jackson übersetzt: The Decisive Criterion for Distinguishing Islam from Masked Infidelity; ziemlich wörtlich übertragen heißt das: Das entscheidende Kriterium zur Unterscheidung des Islam von verborgener Ungläubigkeit.

Der entscheidende Unterschied liegt klar erkennbar in der Übersetzung von zandaqa. zandaqa bezeichnet eine bestimmte Art von kufr (Ablehnung des Islam, Nicht-Islam), nämlich den verborgenen oder verschleierten kufr. Da kufr nicht nur die Leugnung Gottes schlechthin, sondern auch den Glauben an einen anderen Gott als Allāh einschließt, ist die Übersetzung von zandaqa mit »Gottlosigkeit« unzutreffend. al-Ghazālī schreibt beispielsweise den falāsifa durchaus zandaqa zu, obwohl diese keineswegs Gottlosigkeit, sondern ihren besonderen Begriff von Gott und dessen Existenz vertreten. Es ließe sich daher sagen, dass sie an einen Gott, nämlich den »Gott der Philosophen« glauben. Aus dem gleichen Grund ist auch Jacksons Übersetzung mit »Ungläubigkeit« ungenau.

Ich möchte daher als Übersetzung des Titels vorschlagen: Das Kriterium der Unterscheidung zwischen Islam und verborgenem kufr (Ablehnung des Islam, Nicht-Islam).

Wie aus dem Titel hervorgeht, setzt al-Ghazālī es sich zur Aufgabe, ein Kriterium zu entwickeln, das eine möglichst eindeutige Unterscheidung zwischen Islam und zandaqa (verborgenem kufr) ermöglicht. Es geht in diesem Werk also auch darum, ein Verständnis von kufr zu entwickeln, das als Grundlage zur Bestimmung dessen dienen kann, ob eine Auffassung mit dem Islam vereinbar ist oder nicht.

al-Ghazālī geht dabei von seiner Erfahrung mit dem in seiner Umgebung häufigen Gebrauch des Ausschlusses aus der muslimischen Gemeinschaft aus, dem er einen Riegel vorschieben wollte. Allzu häufig wurden Meinungen und Menschen mit dem Vorwurf des kufr überzogen. Diese Bezichtigung des kufr heißt auf Arabisch takfīr. Durch den leichtfertigen und übereilten Einsatz von takfīr drohte die muslimische Gemeinschaft in heillose und mitunter blutige Streitigkeiten zu versinken und zu zerrütten. Angesichts dessen strebte al-Ghazālī danach, diese aus seiner Sicht schädlichen und unnötigen Konflikte beizulegen und die Einheit der muslimischen Gemeinschaft (umma) zu schützen und zu stärken. Dass dieses Anliegen auch und gerade heute leider keineswegs an Aktualität verloren hat, dürfte ohne weiteres einsichtig sein.

Da sich diese Konflikte vor dem Hintergrund der Entwicklung des muslimischen Denkens abspielen, muss auch dieser ein wenig ausgeleuchtet werden. Von besonderer Wichtigkeit ist dabei die Debatte zwischen zwei Tendenzen des islamischen Denkens, die oftmals als Auseinandersetzung zwischen Rationalismus und Traditionalismus beschrieben wird. Und auch dieser Konflikt war nicht nur zu al-Ghazālīs Zeiten virulent, sondern lebt bis heute fort. Wer sich heute für diese Fragen interessiert, sollte dies zumindest in Kenntnis des klassischen Werkes von al-Ghazālī tun. Denn es vermag nach wie vor einen wichtigen Beitrag zum islamischen Denken zu leisten.