03 Kriterium der Unterscheidung und Regel der Interpretation

Autor: Yusuf Kuhn - Do., 01.02.2018 - 17:55

al-Ghazālīs Kritik im Faysal richtet sich gegen zwei Gegner: einerseits gegen die Exklusivisten – Jackson nennt sie Extremisten -, die keine andere Interpretation des Islam zulassen als ihre eigene; andererseits gegen die zanādiqa (Sing. zindīq), also die Anhänger der im Titel genannten zandaqa, des verborgenen kufr. Die zanādiqa geben sich als äußerlich als Muslime aus, aber verheimlichen in Wirklichkeit ihre Ablehnung des Islam (kufr) hinter ihrer Methode der allegorischen Auslegung der Offenbarung (taʾwīl). Man könnte sie daher als heimliche kafirūn (kufr-Betreibende) bezeichnen. Jackson nennt sie Crypto-Infidels (Krypto-Ungläubige).

Da al-Ghazālī davon ausgeht, dass die Methode des taʾwīl unerlässlich ist, kann er es nicht auf eine Verurteilung des taʾwīl an sich abgesehen haben. Das Ziel seiner Untersuchung muss vielmehr sein, ein Kriterium zu entwickeln, das die legitime Anwendung dieser Methode von ihrem unzulässigen Gebrauch zu unterscheiden erlaubt. Und das ist eben die Absicht, die er mit dem Faysal verfolgt, daher sein Titel: Das Kriterium der Unterscheidung zwischen Islam und verborgenem kufr (Ablehnung des Islam, Nicht-Islam).

Das Instrument, das al-Ghazālī für diese Aufgabe entwickelt, nennt er qānūn at-taʾwīl: Regel der Interpretation oder Auslegung.

Gegen die Exklusivisten bringt al-Ghazālī vor, dass der Bereich der innerhalb der islamischen Glaubenslehre zulässigen Anschauungen sehr viel breiter ist, als diese mit ihrem exklusiven Anspruch auf die Erkenntnis der Wahrheit erlauben wollen.

Und gegen die zanādiqa, die heimlichen kufr-Betreibenden, argumentiert al-Ghazālī, dass dieser Bereich des Zulässigen gleichwohl für deren Anschauungen nicht breit genug ist, da letztere mit dem Islam nicht vereinbar sind. Damit wird die äußere Grenze dessen gezogen, was innerhalb der islamischen Glaubenslehre zulässig ist.

Und dabei darf nicht vergessen werden, worum es al-Ghazālī letztlich geht, nämlich den takfīr, die Bezichtigung des kufr, auf ein Minimum zu reduzieren und damit die muslimische Gemeinschaft aus den Fängen überflüssiger und heilloser Streitigkeiten zu befreien, um die Einheit der Umma in ihrer Vielfalt zu stärken und zugleich gegen Angriffe zu schützen, die im vorgeblich islamischen Gewand ihre Grundlagen zu erschüttern drohen.

Wie geht al-Ghazālī nun konkret vor?