11 Äußeres Kriterium und Philosophie

Autor: Yusuf Kuhn - Do., 01.02.2018 - 18:06

Nachdem al-Ghazālī bis hierher den Spielraum aufgezeigt hat, in dem sich Interpretationen in ihrer Vielfalt nach seiner Regel bewegen können, ohne dem Vorwurf des kufr ausgesetzt zu sein, macht er sich nun an die Untersuchung des äußeren Kriteriums, das īmān und kufr voneinander scheidet.

al-Ghazālī fährt also fort:

Nun gibt es Leute, die sich übereilt in die Interpretation stürzen, weil sie von einer Menge nicht zwingend bewiesener Vermutungen überwältigt werden. (S. 72)

Diese Leute gehen mithin zur Interpretation auf der bloßen Grundlage von Vermutungen (dhann) über. al-Ghazālī warnt davor, diese Leute ebenso übereilt des kufr zu bezichtigen, da es darauf ankommt, welchen Gegenstand ihre Interpretation betrifft. Denn wenn es sich nicht um Grundsätze oder wichtige Punkte der Glaubenslehre handelt, sollte ihnen nicht kufr vorgeworfen werden. Es könnte sein, dass sie die Regeln und Voraussetzungen der Beweisführung nicht ausreichend kennen und daher ihre Vermutungen für Beweise halten. Deshalb sollten sie weder wegen kufr noch wegen bidʿa (problematischer Neuerung) verurteilt werden. Nur wenn ihre Behandlung einer Frage zu einer Verwirrung in den Herzen der ungebildeten Menschen führt, ist die Verurteilung als bidʿa angebracht und erfordert.

Hängt aber eine solche Art von Interpretation mit den wichtigen Grundsätzen der Glaubenslehre zusammen, so muß jeder für ungläubig [kāfir] erklärt werden, der den buchstäblichen Wortsinn [dhāhir] ohne einen überzeugenden, apodiktischen Beweis [burhān] abändert. (S. 73)

Wenn demnach jedoch eine solche Interpretation, die ohne Beweis (burhān) von der dhāhir-Bedeutung zum taʾwīl übergeht, mit den wichtigen Grundsätzen der Glaubenslehre zusammenhängt, muss sie als kufr verurteilt werden. Als Beispiele werden einige Thesen der falāsifa (Philosophen) angeführt, hauptsächlich die Leugnung der leiblichen Auferstehung samt jenseitigem Leben sowie Gottes Unkenntnis von den Einzeldingen. al-Ghazālī betont, dass solche Behauptungen für die Religion enorm schädlich sind. Diese Anschauungen werden allerdings von den meisten falāsifa vertreten. Und da die diesbezüglichen Aussagen in Koran und Sunna an Zahl und Deutlichkeit das Maß übersteigen, das eine Interpretation (taʾwīl) zulässt, wird damit der Spielraum der Interpretationsregel gesprengt und der Prophet zum Lügner erklärt. Nach al-Ghazālīs Kriterium liegt hier somit ein klarer Fall von kufr vor.

Dabei bestreiten die falāsifa nicht einmal, dass dies kein Feld für Interpretation ist. Sie berufen sich vielmehr darauf, dass die meisten Menschen nicht über die intellektuellen Fähigkeiten verfügen, um die wahre Realität zu erkennen, wie sie ausschließlich in Begriffen der Philosophie dargestellt werden kann, und deshalb auf eine bildliche Darstellung angewiesen sind, wie sie die Offenbarung liefert: wahre Philosophie für die Elite der Wenigen und Religion für die breite Masse. al-Ghazālī kennzeichnet diese elitäre Konzeption, indem er den falāsifa folgende Worte in den Mund legt:

Die menschlichen Intellekte sind zu träge, um die Bedeutung des intellektualen Jenseits zu verstehen. Deshalb ist es dem Wohl des Menschen zuträglich, an die Versammlung der Körper zu glauben. Es ist ebenso dem Wohl des Menschen zuträglich, zu glauben, daß Gott mit allem, was ihnen zustößt, vertraut ist und daß er sie überwacht. Denn dieser Glaube soll Eifer und Furcht in ihren Herzen erzeugen. Dem Propheten war es erlaubt, den Menschen dies zu lehren. Wer seinen Mitmenschen eine Wohltat erweist, ist kein Lügner. Er hat den Menschen gezeigt, wie sie Wohl erlangen können, auch wenn es gar nicht so ist, wie er es darstellte. (S. 74)

Der Zweck, dem Wohl der Menschen zu dienen, heiligt die Lüge, so dass die Lüge eigentlich keine sein soll, sondern vielmehr eine Wohltat. Dem widerspricht al-Ghazālī energisch:

Diese Behauptung ist ganz und gar nichtig, denn sie spricht offen die Unterstellung aus, der Prophet habe gelogen. Darüber hinaus liefert sie auch noch eine Entschuldigung für den Anspruch, der Beschuldigte habe gar keine Lüge unterstellt. Man muß die prophetische Würde über solche Geringschätzigkeit erhaben halten. Denn was sowohl Aufrichtigkeit wie die Fähigkeit angeht, den Menschen Wohltaten zu erweisen, so ist diese Würde absolut frei von Lüge. (S. 74)

Und al-Ghazālī qualifiziert diese Anschauungen als »erste Rangstufen von zandaqa (verborgenem kufr)« im Unterschied zu absoluter (mutlaqa) zandaqa, welche die Existenz eines Jenseits oder eines Schöpfers der Welt überhaupt leugnet. Demgegenüber ist die zandaqa der besagten falāsifa eingeschränkt, da sie dem Propheten eine gewisse Wahrhaftigkeit zuerkennt, indem die Existenz eines Jenseits und eines Schöpfers immerhin angenommen wird, wenngleich auch in einer Weise, die der Offenbarung widerspricht.

Es zeigt sich hier auch, dass die Übersetzung von zandaqa mit »verborgenem kufr«, wie Jackson es tut, problematisch zu sein scheint. Denn zumindest bei der zandaqa mutlaqa ist der Aspekt der Heuchelei offensichtlich kaum mehr zu erkennen. Hinsichtlich der falāsifa kann gleichwohl von zandaqa als verborgenem kufr und Heuchelei in dem von al-Ghazālī beschriebenen Sinne die Rede sein. Daher bleibe ich trotz der Bedenken und mangels einer besseren Alternative bei »verborgenem kufr« als Interpretation von zandaqa.

al-Ghazālī schließt nun eine Mahnung zur Vorsicht und Zurückhaltung an:

Wisse: Es erfordert eine langwierige Unterscheidung, zu erläutern, wodurch jemand zum Ungläubigen [kāfir] wird oder wodurch nicht. Man müßte jede Abhandlung und jede Glaubensrichtung untersuchen, ihre unsicheren Auffassungen durchleuchten und die Argumente einer jeden Gruppe erörtern, schließlich müßte die Art ihrer Abweichung vom Wortsinn [dhāhir] und die Methode ihrer Interpretation erkannt werden. Das würde ganze Bände füllen – für jene Erklärung reicht meine Zeit aber nicht aus. (S. 75)

Da diese umfassende Untersuchung praktisch kaum oder gar nicht möglich ist, beschränkt al-Ghazālī sich auf eine Empfehlung und eine Regel:

Die Empfehlung lautet: Halte deine Zunge soweit es dir möglich ist von den Leuten der Gebetsrichtung zurück, solange sie das Glaubensbekenntnis: »Es gibt nur einen Gott und Muhammad ist sein Prophet [Es gibt keine Gottheit außer Allāh und Muhammad ist Sein Gesandter]«, rezitieren, ohne diesem Satz zu widersprechen. (S. 75)

Die Empfehlung zur Zurückhaltung in der Beurteilung anderer Muslime verbindet al-Ghazālī darüber hinaus mit einem guten Rat:

In der Verurteilung aufgrund von Unglaube [kufr] liegt eine Gefahr, im Schweigen liegt keine! (S. 75)

Denn der Vorwurf des kufr, der sich als grundlos erweist, fällt auf denjenigen zurück, der den Vorwurf erhebt. Das sollte eigentlich schon Grund und Anreiz genug sein, sich dabei äußerster Vorsicht und Behutsamkeit zu befleißigen!

Was die Regel betrifft, so unterscheidet al-Ghazālī die »Gegenstände religiöser Spekulation« (an-nadharīyāt) in zwei Teile: Grundsätze der Glaubenslehre und Ableitungen. Es gibt drei Grundsätze; sie betreffen die Anerkennung der Existenz Gottes, der Prophetenschaft des Propheten sowie der Wirklichkeit des Letzten Tages. Bei allem anderen handelt es sich um sekundäre Fragen oder Ableitungen.

Der wesentliche Gehalt der Regel lautet:

Wisse: Bei den Ableitungen [furūʿ] gibt es ursprünglich keine Verurteilung aufgrund von Unglaube [kufr]. (S. 76)

Von kufr kann demnach nur bei solchen Fragen die Rede sein, welche die Grundsätze betreffen. Warum fügt al-Ghazālī »ursprünglich« ein? Um darauf hinzuweisen, dass es gleichwohl Ausnahmen und Einschränkungen der Regel gibt.

Eine Ausnahme bezieht sich auf eine religiöse Lehre, die vom Gesandten Allāhs stammt und auf eine sichere Überlieferung (tawātur) zurückgeht. Und eine Einschränkung ergibt sich dadurch, dass auch bei sekundären Fragen eine Verurteilung als kufr erforderlich wird, wenn der Prophet dabei der Lüge bezichtigt wird.