12 Warnung und Mahnung

Autor: Yusuf Kuhn - Do., 01.02.2018 - 18:07

Im nächsten Abschnitt führt al-Ghazālī eine Liste von Kriterien an, die mit der Verurteilung des kufr zusammenhängen. Sie seien stichwortartig genannt:

1. Lässt der Text, von dessen äußerer Bedeutung (dhāhir) abgewichen wurde, eine Interpretation (taʾwīl) zu?

2. Steht der Text aufgrund von lückenloser Überlieferung, aufgrund von Überlieferung Einzelner oder aufgrund des Konsenses (idschmāʿ) fest?

3. War demjenigen, der des kufr beschuldigt wird, ein bestimmter Text oder auch der Konsens der Gelehrten bekannt?

4. Sind die Bedingungen für eine richtige Beweisführung erfüllt?

5. Wird durch die fragliche Meinung ein großer Schaden für die Religion verursacht?

al-Ghazālī weist immer wieder auf die vielen Bedingungen und Einschränkungen hin, die ein kufr-Urteil äußerst erschweren. Angesichts der für die meisten Gelehrten kaum zu meisternden Schwierigkeiten rät er zu größter Zurückhaltung:

Nun hast du verstanden, daß die Untersuchung über ein Apostasieurteil [takfīr] ganz und gar von solchen Standpunkten abhängt, die im Einzelnen nicht von den scharfsinnigsten Gelehrten gemeistert werden. Deshalb weißt du nunmehr auch, daß man ein voreiliger Dummkopf ist, wenn man leichtfertig ein Apostasieurteil [takfīr] über jemanden fällt, der al-Ašʿarī oder einem anderen widersprochen hat. Wie soll nur ein bloß mit Rechtwissenschaft [sic!] ausgestatteter Jurist eine solch enorm schwierige Aufgabe meistern? In welchem Abschnitt des Jurastudiums begegnen einem diese Wissenschaften? Siehst du einen Rechtsgelehrten, wie er sich bloß mit dem Kapital seiner Rechtswissenschaft vorschnell in ein Urteil über die Apostasie [takfīr] oder Irreleitung eines Angeklagten stürzt, dann wende dich ab und beschäftige weder dein Herz noch deine Zunge weiter mit ihm. Wenn Verstocktheit in den Wissenschaften eine Anlage im Charakter ist, dann kann der Unwissende ihr nicht widerstehen. Deshalb widersprechen sich die Menschen so häufig. (S. 81)

Und er beschließt diesen Abschnitt mit einem allgemein gültigen Rat, der es sicher verdient, beherzigt zu werden, obschon es gewiss nicht immer leicht ist:

Würde nur jeder, der es nicht genau weiß, auch den Mund halten, dann gäbe es weit weniger Gegensätze zwischen den Menschen. (S. 81)

al-Ghazālī wendet sich nun einer Gruppe von den Mutakallimūn zu, die alle Muslime des kufr bezichtigen, deren Glauben nicht die Bedingung erfüllt, der Glaubenslehre einer ganz bestimmten Schule zu entsprechen und zudem mit vollem Verständnis auf die von dieser Schule als rational vertretenen Argumenten gegründet zu sein.

Nun gibt es unter den Mutakallimūn eine Gruppe, die ist sehr unmäßig und geht in ihrer Übertreibung soweit, die einfachen und ungebildeten Muslime zu Ungläubigen [kāfir] zu erklären. Sie behaupten: „All jene sind Ungläubige [kāfir], die den Kalām nicht wie wir genau kennen und die die von uns aufgestellten Argumente für die religiösen Glaubenssätze nicht verstanden haben.“ (S. 82)

Diese Praxis wird von al-Ghazālī scharf kritisiert: Denn diese Leute haben die Barmherzigkeit Allāhs, die alle Gläubigen umfasst, beschränkt und das Paradies zu einem exklusiven Ort für eine kleine Schar von Mutakallimūn erklärt. Außerdem kennen sie die Sunna nicht, sonst wäre ihnen nicht entgangen, dass zur Zeit des Propheten (sas) und seiner Genossen die Anerkennung als Muslim nicht von der Kenntnis einer bestimmten Wissenschaft und ihrer Argumente abhängig gemacht wurde.

Wer meint, Kalām, die nackten Argumente und die systematischen Einteilungen seien der Weg zum Glauben [īmān], der hat weit gefehlt. Der Glaube ist vielmehr ein Licht, das Gott als Gabe und Geschenk in die Herzen seiner Diener wirft. (S. 82)

Dem Kalām räumt al-Ghazālī hingegen nur einen sehr beschränkten Nutzen ein. Bei der Verbreitung des Islam hat er praktisch keine Rolle gespielt, da er nicht zu den Gebräuchen der Vorfahren gehörte. Vielmehr wurden darin vor allem Gefahren gesehen. al-Ghazālī schließt sich dem an und spricht sich fast für ein Verbot aus:

Wenn wir Heuchelei und Rücksichtnahme auf unseren Nächsten aufgeben, dann sprechen wir deutlich aus, daß die übereilte Beschäftigung mit dem Kalām wegen der Größe des sich daraus ergebenden Schadens verboten ist. (S. 83)

Ausnahmen will er nur in zwei Fällen zulassen. Wenn jemand von Zweifeln und Unsicherheit befallen ist, die sich anders nicht beheben lassen, ist die Ausübung von Kalām für ihn als Heilmittel für seine Krankheit erlaubt. Und die Praxis des Kalām ist auch dann zulässig, wenn man sich ihrer bedienen will, um damit einen Kranken zu heilen, der von Zweifeln und Unsicherheit befallen ist.

Abschließend stellt al-Ghazālī noch einmal gegen die von einigen Mutakallimūn, insbesondere aschʿaritischen, geübte Praxis, die große Masse der Muslime des kufr zu beschuldigen und aus dem Islam auszuschließen, mit aller Deutlichkeit klar:

Es ist offenbare Wahrheit, daß jeder ein Gläubiger ist, der entschieden an das glaubt, was mit dem Gesandten auf ihn gekommen ist und an das, was der Koran enthält, auch wenn er seine Argumente nicht verstanden hat. Demhingegen ist der aus dem Argument des Kalāms gewonnene Glaube sehr schwach und stets geneigt, sich beim kleinsten Zweifel aufzulösen. Der festgegründete Glaube ist der Glaube der ungebildeten Masse. Er ergibt sich während der Jugend in ihren Herzen aus dem wiederholten Hören der Überlieferungen. Oder er wird im Erwachsenenalter durch glückliche Umstände verursacht, die man nicht erklären kann. Seine volle Festigung muß untrennbar von Gottesdienst und ikr, Anrufung Gottes, begleitet werden. Wer mit Gottesdienst bis zum Wesen der Gottesfurcht und zur Reinigung des Inneren vom Schmutz der Welt angelangt ist und wer beharrlich die Anrufung Gottes praktiziert, dem zeigen sich die Lichter ursprünglicher Erkenntnis [maʿrifa], und die Einsichten, die er eben noch aus Lehrsätzen akzeptiert hatte, werden ihm nun wie eigener Augenschein als sinnliche Bilder offenbar. Dies ist die wahre ursprüngliche Erkenntnis, und sie tritt nur ein, wenn der Knoten, der die Glaubenssätze umfaßt, gelöst und die Brust durch das Licht Gottes erweitert wird. „Und wenn Gott einen rechtleiten will, weitet er ihm die Brust für den Islam ...“ [Koran 6:125] „… sodaß er nunmehr von seinem Herrn erleuchtet ist.“ [Koran 39:22] (S. 84)

al-Ghazālī beschließt seine Untersuchung mit einer eindringlichen Mahnung:

Von Muammad [dem Gesandten Allāhs (sas)] ist uns überliefert worden:

„Wenn ein Muslim seinen Gefährten des Unglaubens [kufr] beschuldigt, so ist einer von beiden ungläubig [kāfir].“ Dies meint, daß er ihn in Wissen über den Zustand des Gefährten einen Ungläubigen [kāfir] nennt. Weiß aber jemand über einen anderen, daß er an den Gesandten Gottes glaubt und ihn für wahrhaftig hält und nennt ihn trotzdem einen Ungläubigen [kāfir], so ist der Ankläger selber ein Ungläubiger [kāfir]. Nennt er ihn aufgrund bloßer Mutmaßung, wonach der Beschuldigte den Propheten für einen Lügner halte, einen Ungläubigen [kāfir], so ist das ein Fehler des Anklägers über den Zustand einer Person. Denn er mutmaßt ja nur, daß er eine Lüge unterstellender Ungläubiger [kāfir] sei, es trifft aber gar nicht zu – und das ist wiederum kein Unglaube [kufr].
Mit diesen wiederholten Untersuchungen haben wir die Lehre von der enormen Tiefe, die in dieser Regel liegt, und von dem Gesetz [qānūn], dessen Befolgung notwendig ist, dargelegt. Begnüge dich damit!
Wer der Rechtleitung folgt, dem sei Friede gegeben. – Lob sei Gott, dem Herrn der Welt. – Seinem Propheten und dessen Familie gilt unser Gebet. (S. 91)