Zu al-Ghazālīs »Regel der Interpretation«: Qānūn at-taʾwīl

Autor: Yusuf Kuhn - Mi., 14.02.2018 - 13:31
Textlänge in Buchseiten ca. 65

Vorbemerkung

Die kleine Schrift von al-Ghazālī, die hier vorgestellt werden soll, trägt den Titel Qānūn at-taʾwīl. Das arabische Wort qānūn ist ein Lehnwort aus dem Griechischen. Vom griechischen kanon stammen auch das lateinische canon und das deutsche Wort Kanon ab. qānūn bedeutet: Kanon, Regel, Norm, Richtschnur, Messstab.

taʾwīl bedeutet: Auslegung, Deutung, Interpretation.

Der Titel Qānūn at-taʾwīl kann daher übersetzt werden mit Regel der Interpretation.

Der arabische Text findet sich in einer von Mahmūd Bīdschū edierten Ausgabe, die 1991 in Damaskus mit dem Titel Qānūn at-taʾwīl erschienen ist. Sie ist auf der Website ghazali.org gelistet und als pdf-Datei verfügbar.

Nicolas Heer hat den Text Qānūn at-taʾwīl von al-Ghazālī ins Englische übersetzt und als Artikel mit dem Titel The Canons of Tawil in einem Sammelband veröffentlicht. 1

Auf den von Mahmūd Bīdschū herausgegebenen arabischen Text und die englische Übersetzung von Heer stützt sich meine Übersetzung ins Deutsche, die den von Heer übertragenen Textausschnitt vollständig wiedergibt und als Anhang beigefügt ist.

Nicolas Heer gibt keinen Hinweis darauf, wann der Text von al-Ghazālī geschrieben wurde, sondern bemerkt lediglich, dass er als mittlerer Abschnitt einer Abhandlung verfasst wurde, in der al-Ghazālī verschiedene Fragen zu einigen Stellen der Schriften der Offenbarung beantwortet, in denen es um Themen wie Satan, Dschinn, Engel und verschiedene Elemente der Eschatologie geht.

al-Ghazālī versucht in dieser Abhandlung, wie der Titel qānūn at-taʾwīl besagt, eine Regel der Interpretation von Äußerungen und Texten zu bestimmen. Interpretation (taʾwīl) gilt dabei als notwendig, wenn bestimmte Probleme, die bei der Auslegung der Offenbarung auftreten können, zu lösen sind. Diese Probleme können sich daraus ergeben, dass bei einigen Stellen der Eindruck eines Widerspruchs zwischen Vernunft (ʿaql) und Offenbarung (naql) auftreten kann. Um diesen vermeintlichen Widerspruch aufzulösen, bedarf es mithin einer Interpretation nach einer regelhaften Methode.

al-Ghazālī beschreibt und erörtert fünf verschiedene Herangehensweisen an diese Problematik, von denen er eine als die richtige auszeichnet und näher erläutert, nämlich diejenige, der er den Titel qānūn at-taʾwīl verleiht. An die Beschreibung der entsprechenden fünf Gruppen schließt er sodann einige Überlegungen mit drei Empfehlungen für diejenigen an, die sich ernsthaft mit dieser Frage auseinandersetzen und deren Streben darauf gerichtet ist, sich von Irrtümern fernzuhalten, Widersprüche aufzulösen und Konflikte zu vermeiden.

  • 1. Nicholas Heer, The Canons of Tawil, in: John Renard (Hg.) Windows on the House of Islam: Muslim Sources on Spirituality and Religious Life, University of California Press, London, England, 1998, S. 48-54.