1 Welches Ziel verfolgt al-Ghazālī?

Autor: Yusuf Kuhn - Mi., 14.02.2018 - 14:53

Der Aufsatz setzt mit der Feststellung ein, dass es seit langem unumstritten ist, dass al-Ghazālī »maßgeblich dazu beigetragen hat, die aristotelische Logik als Methodenlehre der islamischen Theologie und Rechtswissenschaft zu etablieren« (73). Allerdings wurden »Zweifel daran laut, ob Ġazālīs Eintreten für die Logik auch konsequent gewesen sei. Denn so engagiert er für die Verwendung von Definitionen, Urteilen und Syllogismen plädierte, so wenig schien er dieses Plädoyer in seinen eigenen Werken in die Tat umzusetzen. Das brachte ihm eine Reihe von kritischen Kommentaren ein. Sie bezweifelten, dass er sich wirklich auf eine profunde Auseinandersetzung mit der Logik eingelassen habe, und stellten in Frage, ob ihm eine konsistente, methodisch fundierte Neuformulierung der islamischen Theologie (und Rechtswissenschaft) gelungen sei.« (73) Die Adjektive, die sich hier wie an einer Perlenschnur aufreihen, – konsequent, profund, konsistent, methodisch fundiert – scheinen in ihrer positiven Konnotation allesamt eine Übernahme der Logik in Theologie und Recht zu suggerieren. Wenn man al-Ghazālīs Werk im Lichte dieser vorgängigen Wertung betrachtet, müssen zweifellos Kritik, Vorbehalte und Zweifel aufkommen. Denn al-Ghazālī hat offensichtlich die Logik zwar mehrfach dargestellt, aber nicht in einem Maße zur Anwendung gebracht, wie es von dieser Suggestion nahegelegt wird. Ist es dann überhaupt sinnvoll anzunehmen, dass er dieses Ziel wirklich verfolgt habe?War sein Verhältnis zur aristotelischen Logik womöglich viel zurückhaltender und distanzierter? Ist es gleichwohl dieses Ziel, das Rudolph als »einheitliches Ziel« ausfindig machen zu können glaubt? Dann ist es jedenfalls nicht verwunderlich, dass man sich mit einem Autor wie al-Ghazālī reichlich schwer tut, der zu demselben Thema, wie Rudolph feststellt, »mehrere Präsentationen […] mit unterschiedlicher Akzentsetzung« liefert und »sich sprachlich nicht auf eine verbindliche Form der Darstellung (sei sie theologisch, philosophisch oder sufisch) festgelegt hat, sondern virtuos mit den verschiedenen terminologischen Möglichkeiten, die ihm tradiert wurden, umging.« (74) Drängt sich da nicht geradezu die Frage auf, ob das von al-Ghazālī verfolgte Ziel nicht woanders, gar auf einer ganz anderen Ebene liegen könnte?

Welches Ziel, al-Ghazālī nach Rudolph verfolgen soll, ist noch nicht ganz klar. Sicher ist nur, dass es ein einheitliches ist. Und um das zu belegen, soll nun, so fährt Rudolph fort, »überlegt werden welche grundsätzlichen Positionen und Motive Ġazālīs Einstellung zur Logik geleitet haben und welche Konsequenzen daraus für seine theologischen Konzeptionen erwachsen sind.« (75) Dies soll in vier Schritten geschehen, die den vier Kapiteln des Aufsatzes entsprechen: 1. al-Ghazālīs Beurteilung der aristotelischen Logik; 2. Darstellung der Logik in seinen eigenen methodischen Schriften; 3. Einsatz der Logik in der Theologie, speziell in seinem Kitāb al-Iqtisād fī al-iʿtiqād (Buch über den mittleren Weg im Glauben); 4. Abschließende Gewichtung der verschiedenen Ergebnisse. Wir wollen im weiteren Verlauf dem Gedankengang Rudolphs folgen.