3 Darstellung der Logik in seinen methodischen Schriften

Autor: Yusuf Kuhn - Mi., 14.02.2018 - 15:02

Zu Beginn des zweiten Abschnitts fasst Rudolph das Ergebnis seiner Betrachtungen noch einmal in einem Satz zusammen:

Aus diesen Beobachtungen ergibt sich ein relativ kohärenter Eindruck. Er besagt, dass Ġazālī den Syllogismus als Beweisverfahren grundsätzlich privilegiert, aber neben ihm auch andere Methoden zulässt – vorausgesetzt, deren Anwender geben sich Rechenschaft über ihr Vorgehen und wissen, dass jede sichere Erkenntnis letztlich aus zwei Prämissen und einer Conclusio besteht. (84)

Hier wird nun wieder festgestellt, dass al-Ghazālī durchaus neben dem von ihm »grundsätzlich privilegierten« Syllogismus als Beweisverfahren »auch andere Methoden zulässt«, also eine Vielfalt von unterschiedlichen Logiken. Damit verknüpfe al-Ghazālī zudem die Voraussetzung, dass »deren Anwender […] wissen, dass jede sichere Erkenntnis letztlich aus zwei Prämissen und einer Conclusio besteht«. Ich vermag nicht zu erkennen, dass bisher ein Beleg beigebracht worden wäre, der diese Aussage al-Ghazālī zuzuschreiben erlaubte. Sie ergibt jedenfalls wenig Sinn, da unter dieser Voraussetzung gar keine sichere Erkenntnis möglich wäre. Wenn gefordert wird, dass »jede sichere Erkenntnis letztlich aus zwei Prämissen und einer Conclusio besteht«, was wohl nur heißen kann, dass sie das Ergebnis einer Schlussfolgerung sein muss, so führt dies geradewegs in den unendlichen Regress. Denn um durch Schlussfolgern zu einer sicheren Erkenntnis gelangen zu können, bedarf es einer sicheren Erkenntnis als Ausgangspunkt, die selbst nicht erst Ergebnis des Schlussfolgerns ist. Es ist wohl eher anzunehmen, dass al-Ghazālī sich dieser elementaren Sachlage bewusst war.

Im zweiten Teil des Artikels behandelt Rudolph die Weise, in der al-Ghazālī die Logik – oder sollten wir besser sagen: die Logiken – in seinen Schriften dargelegt hat. Im Laufe seine Lebens hat al-Ghazālī im zahlreichen Texten sich immer wieder zu diesem Thema geäußert. Er hat, so Rudolph, »regelmäßig Werke über die Formen des Argumentierens und Beweisens geschrieben« (84). Wir können an dieser Stelle nicht näher auf die Einzelheiten eingehen, die eine ausführlichere Erörterung verdienten, und wollen lediglich die Ergebnisse anführen, zu denen Rudolph gelangt. In Anknüpfung an das obige Zitat fasst er diese vorausblickend folgendermaßen zusammen:

Dasselbe Bild begegnet uns wieder, wenn wir im nächsten Schritt auf die Darstellung der Logik in Ġazālīs Schriften eingehen. Auch dort zeigt sich nämlich, dass unser Autor keine uniforme Methodenlehre propagiert, sondern für den reflektierten, an Syllogismen geschulten Umgang mit mehreren Argumentationsformen eintritt. (84)

Und diese Vielzahl von Logiken wird jeweils durchaus unterschiedlich dargestellt, und zwar nicht zuletzt in Abhängigkeit von dem jeweils behandelten Bereich und dem jeweils verfolgten Zweck. Rudolph hält dazu fest:

In all diesen Texten versucht er, die Darstellung der philosophischen Logik mit der Behandlung der traditionellen »islamischen« Beweisverfahren zu verbinden. Dabei wechselt durchaus die Perspektive, denn je nach Werk geht Ġazālī bei seiner Darstellung von einem anderen Ansatzpunkt aus.

al-Ghazālī ist es also stets an einer »Integration der Methoden« (85-86) und einer »Verbindung zwischen der philosophischen Logik und dem traditionellen islamischen Argumentationsgut« (86) gelegen, ohne durch die Verabsolutierung eines Verfahrens deren Unterschiede oder gar alle anderen Methoden als die der aristotelischen Logik zu negieren. Aus der Sicht eines eindimensionalen und reichlich verkümmerten Denkens, das blind der griechischen Philosophie in der Tradition des platonisch-aristotelischen Rationalismus anhängt, eine ziemlich erstaunliche Vielfalt und Vielschichtigkeit, die sich im Rückblick vor dem Hintergrund der Entwicklungen der modernen Logik und Philosophie der Logik nicht nur als ausgesprochen hellsichtig, sondern gar als vernünftiger erweisen könnte!