4 Einsatz der Logik in der Theologie

Autor: Yusuf Kuhn - Mi., 14.02.2018 - 15:03

Im dritten Teil seines Aufsatzes geht Rudolph der Frage nach al-Ghazālīs Verwendung der Logik in der Theologie am Beispiel des Kitāb al-Iqtisād fī al-iʿtiqād (Buch über den mittleren Weg im Glauben) nach. Auch hier wollen wir die Einzelheiten überspringen und direkt auf die Ergebnisse seiner Erörterung blicken. al-Ghazālī stellt in der Einleitung zu al-Iqtisād drei Beweisverfahren vor: den disjunktiven Schluss, den kategorischen Syllogismus und die Reductio ad absurdum. Rudolph erläutert dazu:

Dabei zeigt Ġazālī durchaus sachgemäß die Unterschiede zwischen den verschiedenen Methoden auf. Gleichzeitig beharrt er jedoch darauf, dass sie letztendlich dieselbe gedankliche Struktur aufwiesen. Denn alle drei Beweisverfahren – und nicht nur der kategorische Syllogismus – seien darauf angelegt, aus zwei gesicherten Prämissen eine neue Erkenntnis (farʿ bzw. daʿwā oder malūb) zu gewinnen. Diese Behauptung kann uns inzwischen nicht mehr überraschen. (89)

In der Tat bewegen wir uns damit auf nunmehr vertrautem Gelände. Es erübrigt sich daher, das bisher Gesagte nochmals zu wiederholen. Mittlerweile dürften sich diese Aussagen von selbst verstehen.

Und ebenso verfährt al-Ghazālī, wenn er zur Behandlung der »eigentlichen theologischen Themen fortschreitet«, bei der »alle drei Beweisverfahren angewandt werden«, wobei »er im Verlauf einer längeren thematischen Erörterung gerne die Beweisführung variiert und mehrere Methoden nebeneinander einsetzt« (91). Bis hierhin also durchwegs eine Betätigung unserer bisherigen Analyse, die keiner weiteren Erläuterung mehr bedarf. Rudolph will sich damit aber immer noch nicht zufrieden geben und beharrt in einer wenig überraschenden, da mittlerweile sattsam bekannten Kehrtwendung ein weiteres Mal darauf, dass al-Ghazālī die »unverrückbare Überzeugung« habe, »dass hinter jeder logischen Operation, wenn sie von gesicherten Voraussetzungen ausgeht und korrekt durchgeführt wird, ein syllogistischer Denkvorgang steht« (91). Dass es sich dabei aber keineswegs um einen Syllogismus im Sinne der aristotelischen Logik handeln muss, sondern lediglich um eine »vergleichbare Denkstruktur« dürfte unterdessen hinlänglich deutlich geworden sein. Der Glaube an die absolute Geltung der aristotelischen Logik muss bei al-Ghazālī mithin keineswegs so stark ausgeprägt sein, wie Rudolph wohl aufgrund des bereits mehrfach angesprochenen rationalistischen Vorurteils unterstellen zu müssen vermeint.