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Autor: Yusuf Kuhn - Mi., 14.02.2018 - 15:03

Im vierten und letzten Abschnitt will Rudolph die Frage behandeln, »wie wir diese Beobachtungen einordnen wollen« (92). Damit ist gemeint, zu »prüfen, zu welchen theologischen Konsequenzen seine Überlegungen geführt haben«. al-Ghazālī habe als eines seiner wichtigsten Ziele »die Annäherung zwischen der Theologie, der Jurisprudenz und den philosophischen Wissenschaften«. Er habe behauptet, dass die Methoden in den drei Disziplinen aufgrund ihrer Komplementarität auch zu Wissen führe, das komplementär sei. Rudolph erläutert dies weiter:

Deswegen ermahnt er seine theologischen und juristischen Kollegen, so präzise zu argumentieren, dass auch die Philosophen ihre Argumente akzeptieren. Deswegen erklärt er den Philosophen, dass ihr angebliches Monopol auf die Geheimnisse der Logik ein Trugschluss sei. Ġazālī möchte offenkundig die Wissenschaften, die er selbst betreibt, in einem höheren Wissenssystem zusammenführen und glaubt nicht ganz zu Unrecht, dass eine gemeinsame methodische Basis dafür die beste Grundlage sei.
Dieses Programm wirkt auf den ersten Blick elitär und begünstigt sicher den universalen Wissensanspruch der Philosophen. Aber man sollte sich in Erinnerung rufen, dass es nicht nur als eine Konzession an die Philosophie, sondern auch als eine Fortentwicklung religiöser Traditionen gedeutet werden kann. (92)

Und da al-Ghazālī die Einbeziehung des Koran in dieses umfassende Wissenssystem betrieben habe, so werde damit, so Rudolph weiter,

die Harmonie zwischen Ratio und Offenbarung auf eine neue Stufe gestellt, denn auf diese Weise erhält die Logik einen göttlichen Ursprung und eine religiöse Würde, während die Offenbarung zum Paradigma für logisch korrekte Erkenntnisvorgänge erhoben wird. (93)

Das also sollen die »theologischen Konsequenzen« aus der, wie es im Titel des Artikels heißt, »Neubewertung der Logik durch al-Ġazālī« sein, kurz gesagt: eine Annäherung zwischen Theologie und philosophischen Wissenschaften und damit einhergehend eine neuartige Harmonie von Vernunft und Offenbarung. Diese »Einordnung« der im Artikel angestrengten »Beobachtungen« setzt allerdings ein Verständnis von Vernunft und Offenbarung sowie von deren Verhältnis zueinander voraus, das selbst schon in die Tradition der griechischen Philosophie eingeschrieben ist, wo doch erst zu untersuchen wäre, ob und inwiefern al-Ghazālī seinerseits überhaupt diesem Verständnis anhing. Unter dieser Voraussetzung ergeben sich offenkundig viele Schwierigkeiten für das Verstehen des Denkens von al-Ghazālī. Wäre es da nicht angebracht, diese Voraussetzung selbst in Frage zu stellen, um etwas weniger voreingenommen allererst al-Ghazālīs Position zu diesen grundlegenden Fragen zu klären? Vielleicht erwiesen sich dann die vermeintlichen Inkohärenzen und Widersprüche in seinen Aussagen als etwas weniger unverständlich und überraschend, ja vielleicht ließe sich ihnen sogar ein in sich stimmiger Sinn entnehmen. Wenn diese Überlegungen dazu einen kleinen Beitrag leisten könnten, wäre ihr Ziel schon erreicht. Denn, um es ganz klar zu sagen und Missverständnissen vorzubeugen, durch den Verweis auf eingewurzelte Vorurteile und alternative Möglichkeiten der Interpretation sollte die Untersuchung von al-Ghazālīs Verhältnis zur aristotelischen und anderen Logiken nicht im geringsten als geleistet, sondern vielmehr überhaupt erst als eröffnet erachtet werden.