02 Ihyāʾ und Philosophie

Autor: Yusuf Kuhn - Mi., 14.02.2018 - 16:40

Im zweiten Textausschnitt, einer undatierten fatwā, spricht Ibn Taymiyya über al-Ghazālīs Hauptwerk Ihyāʾ ʿulūm ad-dīn (Wiederbelebung der Wissenschaften der Religion). Michot hat als Titel gewählt: Ihyāʾ und Philosophie. Wir wollen nur einige Aspekte herausgreifen, die in unserem Rahmen von besonderem Interesse sind.

Ibn Taymiyya weist zunächst auf eine gewisse Abhängigkeit von al-Ghazālīs Ihyāʾ von Werken von Abū Tālib al-Makkī und al-Hārith al-Muhāsibī hin. Dann stellt er fest, dass der Ihyāʾ viele Vorzüge besitzt, aber auch viel tadelnswertes Material beinhaltet. Zu letzterem gehören die Aussagen der Philosophen über die Einheit und Einzigkeit Gottes (tawhīd), das Prophetentum und das jenseitige Leben:

Die Wiederbelebung ist von vielerlei Nutzen (fāʾida), aber beinhaltet auch tadelnswerten Stoff (mawādd). Verderbte Stoffe sind wahrlich darin zu finden: Aussprüche der Philosophen bezüglich der göttlichen Einheit, des Prophetentums und der [künftigen] Wiederkehr. Wenn Abū Hāmid [al-Ghazālī] über die Dinge spricht, welche die Sufis erkannt haben (maʿārif), gleicht er jemandem, der einen Feind der Muslime nimmt und ihn in die Gewänder der Muslime kleidet (albasa). Die Imame der Religion haben Abū Hāmid dafür kritisiert, dass er dies in sein Buch aufgenommen hat. »Seine Krankheit ist die Heilung« (maradhuhu asch-schifāʾ), sagten sie, und meinten damit [das Buch von] der Heilung [Kitāb asch-schifāʾ], das Ibn Sīnā in der Philosophie [verfasst hat].
In [Der Wiederbelebung] gibt es schwache Hadithe (hadīth) und Überlieferungen (athar); viele sind sogar gefälscht. Darin findet man auch einige der verfänglichen Fragen (aghālīt) der Sufis und ihrer Streiche (turrahāt).1 (136-137)

Ibn Taymiyya erkennt in al-Ghazālīs großem Werk eine Verbindung aus Sufismus, falsafa, fragwürdigen Überlieferungen und noch zweifelhafteren Sufi-Geschichten. Den Sufismus hat er al-Makkī und al-Muhāsibī entliehen; und er ist folglich von gleichem Wert wie die Schriften dieser beiden Sufi-Meister. Die Philosophie hat er weitgehend von Ibn Sīnā übernommen. Ibn Taymiyya bringt eine scharfe Kritik unter verschiedenen Aspekten vor. al-Ghazālīs Behandlung des Sufismus ist so missraten, dass sie eher den Feinden des Islam dient. Er ist von den »Imamen der Religion« kritisiert worden. Und der Ihyāʾ ist das Werk eines Kranken, der von Ibn Sīnās Heilung angesteckt wurde.

Dabei lässt es Ibn Taymiyya allerdings nicht bewenden, sondern endet in einem etwas anderen Ton über den Ihyāʾ:

Darin sind gleichwohl auch, vermittels Worten der Sufi-Schaykhs, die hinsichtlich der Taten des Herzens wissend (ʿārif) und auf dem geraden Weg sind, Dinge, die mit dem Buch und der Sunna übereinstimmen. Hinsichtlich der gottesdienstlichen Handlungen und des guten Benehmens (adab) findet man darin auch Dinge, die mit dem Buch und der Sunna übereinstimmen. Diese Dinge sind zahlreicher als jene, die zu verwerfen sind. Und das ist der Grund, weshalb Leute unterschiedliche Meinungen über dieses Buch gefasst (idschtihād) und miteinander darüber gestritten haben.2 (137)

Ibn Taymiyya erweist sich mithin durchaus nicht nur als zu einer besonnenen und ausgewogenen Beurteilung fähig, sondern vermag auch Kritik und echte Wertschätzung miteinander zu verbinden. Die gegensätzlichen Haltungen zum Ihyāʾ erklärt er mit dem vielschichtigen und uneinheitlichen Charakter dieses Werkes. Überdies ist nicht zu übersehen, dass es sich bei aller Kritik mitnichten um eine pauschale Verurteilung des Sufismus handelt. Im Gegenteil, er wird im Rahmen seiner Übereinstimmung mit den Grundlagen des Islam als solcher anerkannt.

  • 1. Ibn Taymiyya, Madschmūʿ al-fatāwā, 37 Bände, Rabat, 1401/1981, Bd. X, S. 551–552.
  • 2. Ibn Taymiyya, Madschmūʿ al-fatāwā, 37 Bände, Rabat, 1401/1981, Bd. X, S. 551–552.