alastu-Projekt: Entwurf

Autor: Yusuf Kuhn - Di., 16.01.2018 - 15:57

Das Hauptthema des Projekts lässt sich schlagwortartig unter folgenden Titel fassen:
Islam und Kritik der Philosophie.

Die Arbeit am Projekt versteht sich als work in progress.

Die im Projektentwurf enthaltenen Thesen sind als Arbeitshypothesen zu verstehen.

Das Verhältnis von Philosophie und Islam und die Rolle der Philosophie im islamischen Denken ist stets eine große und viel umstrittene Frage gewesen.

Das ist nicht weiter verwunderlich, denn das islamische Denken stand eigentlich immer in einem zwiespältigen Verhältnis zur Philosophie: Anziehung und Bewunderung auf der einen Seite und Zweifel und Kritik auf der anderen. Es hat sich daher stets ein starker Einfluss der Philosophie auf das islamische Denken bemerkbar gemacht, wenngleich dies nicht immer ganz bewusst geschah.

Philosophisches und islamisches Denken durchdringen sich in einem Maße, dass eine einseitige und ausschließliche Parteinahme vernünftig nicht mehr zu rechtfertigen wäre.

Die in diesem Projekt vorgebrachte Kritik der Philosophie versteht sich daher immer auch als Selbstkritik.

Wie ist das Verhältnis von Philosophie und Islam wirklich zu denken? Wie das von Vernunft und Offenbarung, von ʿaql und naql, wie es oft auf Arabisch formuliert wird?

Wo gibt es Ansätze und bereits geführte Debatten zu diesen Fragen sowohl in der Tradition der europäischen Philosophie wie auch im islamischen Denken, an die für eine vertiefte Klärung angeknüpft werden kann?

Islam und Kritik der Philosophie – dies schließt Kritik sowohl der westlichen als auch der islamischen Philosophie ein.

Wir erleben eine tiefe Krise der westlichen wie auch der islamischen Zivilisation.

Die Anstrengung, einen Ausweg daraus zu suchen, verlangt danach, die philosophischen Grundlagen beider, die sich zum Teil decken, einer gründlichen Kritik zu unterziehen.

Die Gründe für diese Krisen liegen zumindest auch in den philosophischen Grundlagen bzw. metaphysischen Voraussetzungen der europäischen Zivilisation.

Durch mehr oder weniger unkritische Übernahmen wurden und werden diese auch in der islamischen Zivilisation wirksam.

Wo liegen die Ressourcen für einen Ausweg aus beiden Krisen, die unter den Bedingungen der Globalisierung zunehmend zu einer verschmelzen?

Wie die Gründe so müssen auch die Ressourcen beiderseits verortet werden. Nur eine gemeinsame Anstrengung mit vereinten Kräften kann der Dimension der Herausforderung gerecht werden. Allerdings sind die Voraussetzungen durchaus unterschiedlich.

Das europäische Denken ist bis heute allzu sehr in die griechische Philosophie verstrickt und zudem in eine Grundlagenkrise – nicht nur – der Moral geraten. Soweit es überhaupt über moralische Ressourcen verfügt, stammen sie vorwiegend aus dem christlichen Traditionsbestand.

Die Grundlagenkrise der Moral ergibt sich daraus, dass das von der Aufklärung verfolgte Projekt einer rationalen Begründung der Moral gescheitert ist. Daher sind die moralischen Ressourcen stark ausgetrocknet. Nietzsche hatte mit seiner Diagnose recht: Die europäische Kultur treibt in den Nihilismus.

Bei aller Krisenhaftigkeit ist hingegen das islamische Denken nicht in der gleichen Weise in seinen Grundlagen erschüttert. Daher wächst seinen Ressourcen für Alternativen besondere Bedeutung zu.

Die unentrinnbare Aufgabe besteht also in der gemeinsamen Arbeit an der Bewältigung der großen Krisen unserer Zeit durch eine selbstkritische Besinnung auf das islamische und philosophische Denken.

Warum alastu?

alastu bezieht sich auf einen Koranvers (Sure 7, Vers 172) in dem Allāh zu den Menschen spricht: »alastu birabbikum« - »Bin Ich nicht euer rabb (Herr)?«

alastu steht für die Frage nach dem islamischen Denken:

Was heißt es, dass Allāh unser rabb ist?

Und welche Bedeutung hat es für uns, dass wir dies bezeugen?

alastu steht damit auch für unsere Antwort auf die Frage Allāhs.

Damit bezeichnet alastu das Ziel des ganzen Projektes, als das Verständnis des Islam, das unter den Bedingungen unserer Gegenwart zu entwickeln ist, wie auch das, was immer schon vorausgesetzt wird: das Vorverständnis, von dem das ganze Projekt geleitet wird.

Kritik der Philosophie im islamischen Denken

Die europäische Philosophie und Wissenschaft basiert auf verborgenen metaphysischen Voraussetzungen, die mit dem islamischen Denken nicht vereinbar sind.

Diese Voraussetzungen entstammen vor allem der griechischen Philosophie seit ihren Anfängen aus dem Mythos und wirken auch im modernen Denken fort.

Kritik bedeutet Prüfung: Prüfung sowohl der inneren Stimmigkeit (Kohärenz) und Begründetheit als auch der Vereinbarkeit mit dem Islam.

Die dabei anzuwendende Methode besteht in der Aufdeckung der metaphysischen Annahmen, die meist verborgen und implizit in Philosophie und Wissenschaft vorausgesetzt werden, und der anschließenden Prüfung der Vereinbarkeit dieser Annahmen mit dem islamischen Denken.

Philosophie meint sowohl Philosophie als auch Wissenschaft, im Gegensatz zum heute üblichen Sprachgebrauch, der von einer Trennung von Philosophie und Wissenschaft ausgeht.

Vor allem aus zwei Gründen:

1. Am Ursprung der griechischen Philosophie gab es keine Trennung zwischen Wissenschaft und Philosophie, Physik und Metaphysik: Sie bildeten eine Einheit.

2. Die Denkformen der griechischen Philosophie prägen auch heute die Wissenschaften, nicht zuletzt die Physik als Königin der Wissenschaften. Die heutige Wissenschaft ist daher weiterhin angewandte Metaphysik.

Kritik der Philosophie im islamischen Denken kann auf zweifache Weise gelesen werden:

1. Kritik »der Philosophie im islamischen Denken«, also Kritik an der Philosophie, die Eingang ins islamische Denken gefunden hat;

2. »Kritik der Philosophie« im islamischen Denken, also als Darstellung der Kritik der Philosophie, wie sie sich im islamischen Denken entwickelt hat.

Denn es gab im islamischen Denken sowohl eine Übernahme der Philosophie als auch eine Kritik daran.