1.4 Beschluss: Über Vernunft und Offenbarung

Autor: Yusuf Kuhn - Di., 04.08.2020 - 14:39

Ibn Taymiyyas Konzepte mögen überholt sein, aber seine Argumente sind immer noch gültig. Jeder, der Veränderungen im islamischen Denken herbeiführen möchte, muss die Anziehungskraft von Denkern wie Ibn Taymiyya verstehen. Warum war er so populär?

Ibn Taymiyya hat den ʿaql bewahrt und zugleich den Vorrang des naql gewahrt. Er hat den ʿaql gepriesen, nicht verworfen, und zugleich gesagt: ʿaql gebietet uns, naql zu folgen.

Und in dem Prozess, in dem er beiden ihre gebührende Achtung und Wertschätzung erhielt, sagte er im Kern: So wie der Mensch seinen Höhepunkt erreicht, wenn er sich Allah unterwirft, so erreicht der ʿaql seinen Höhepunkt, wenn er seine Grenzen erkennt und sich dem Wort Allahs unterwirft.

Jeder, der eine radikale Veränderung in den nusūs (offenbarte Schriften, Texte) herbeiführen will, muss verstehen, dass er dem von Ibn Taymiyya kritisierten Weg folgt und letztlich die nusūs und die Offenbarung überflüssig macht.

Als aktuelles Beispiel dafür kann die Debatte um die Homo-Ehe gelten. Der Koran ist sehr klar. Aber es gibt viele Gruppen, die für eine koranische Akzeptanz argumentieren. Da wirft sich die Frage auf: Wenn euch das problematisch erscheint, werden dann nicht Leute andere Interpretationen von anderen nusūs problematisch finden?

Der einfache Muslim kann den Gott der Philosophen nicht akzeptieren – diesen Gott, der wechselweise als erster Beweger, unbewegter Beweger, aktiver Intellekt usw. beschrieben wird.

Ibn Taymiyya sagt zu ihnen, auch zu den Anhängern des Gottes der Philosophen, die er als Muslime anerkennt:

O ihr Muslime, seht ihr nicht, dass ihr etwas ganz Ähnliches tut in euren eigenen intellektuellen Spielen?

Unsere Religion ist ewig und unter allen Umständen gültig, aber wir müssen uns dieser harten Kritik von Ibn Taymiyya bewusst sein, wenn wir unseren Weg zu bahnen versuchen. Ja, wir müssen den Islam mit Zeit und Ort in Einklang bringen, aber meines Erachtens brauchen wir keine Überholung.

Ich glaube nicht, dass wir den Motor auswechseln müssen, dass wir Koran und Sunna noch einmal machen müssen. Eine vollständige Überholung zu fordern, würde Koran und Sunna überflüssig machen. Es wäre nicht nötig gewesen, dass Allah ein Buch oder einen Propheten sendet. Aber Allah hat ein Buch und einen Propheten gesandt, um die höchste und letztgültige Rechtleitung zu bieten. Und er hat dem Intellekt (oder der Vernunft) seinen Bereich zugewiesen. Wenn wir uns daran halten, so Ibn Taymiyya, dann ist das perfekt. Wenn der Intellekt (oder die Vernunft) aber seine Grenzen überschreitet und in Konflikt mit Koran und Sunna tritt, werden wir sowohl den Intellekt (oder die Vernunft) wie auch Koran und Sunna letztlich verlieren.

Und Allah weiß es am besten!