4.2 Einführung

Autor: Yusuf Kuhn -

Dem Leser von Ibn Taymiyyas Werken fällt zunächst die Einfachheit seines Diskurses über die Existenz Gottes ins Auge. Ibn Taymiyya war davon überzeugt, dass Gottes Existenz selbstevident ist und dass jeder Gläubige in gesunder Verfassung ohne jegliche Reflexion weiß, dass Gott existiert. Dies mag erklären, warum er nie die geringste Anstrengung unternahm, ein strukturiertes und vollständiges Argument für die Existenz Gottes darzulegen. An keiner Stelle seiner Abhandlungen macht er mehr als eine kurze Bemerkung zu dieser Frage; und dies wiederum tut er lediglich mit Bezug auf andere Probleme, die jeweils zur Diskussion stehen.

Ibn Taymiyyas Diskurs ist überdies hochgradig streitbar und auf Widerlegung ausgerichtet, so dass er weitgehend im Gewand der Verneinung auftritt, was seinen Argumenten eine Gestalt verleiht, die ihre Rekonstruktion noch weiter erschwert. Wenn er feststellt, dass ein bestimmtes philosophisches oder theologisches Argument falsch ist oder der Gültigkeit ermangelt, tut er uns nicht immer kund, was er als eine gültige Alternative erachtet. Dies trifft ganz besonders auf die Fälle zu, in denen die Frage der Existenz Gottes erörtert wird.

Wenn allerdings die relevanten Aussagen über Gott in Ibn Taymiyyas mannigfaltigen Abhandlungen, die Themenbereiche wie Logik, Recht, dialektische Theologie und Metaphysik behandeln, erst einmal lokalisiert sind, wird es möglich, innerhalb des allgemeinen Kontextes seiner Gedanken ein mehr oder weniger vollständiges Argument für die Existenz Gottes herauszuschälen. Ein umfassendes Verständnis seines Denkens zu diesem Thema hat jedoch zur Voraussetzung, sowohl seine Haltung gegenüber den Lehren über Logik und Metaphysik, die von den Philosophen und Theologen vertreten werden, zu verstehen als auch einige epistemologische Schlüsselbegriffe, die er in seinen Argumenten verwendet, in angemessener Weise zu würdigen. Mit diesen beiden Aspekten wollen wir unsere Abhandlung einsetzen lassen, obschon im Mittelpunkt unseres Interesses seine Argumente insofern stehen, als sie sich aus seiner empiristischen Epistemologie ergeben.