Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Ibn Taymiyya, nachdem er alle Schlussfolgerungen und Ableitungen als unzulängliche Mittel für den Beweis der Existenz Gottes verworfen hat, den Begriff der fitra vorbringt, die im Geist ein notwendiges Wissen von der Existenz einer persönlichen Gottheit erzeugt. Dieser Begriff der fitra ist jedoch hochgradig problematisch, da er zweier Interpretationen fähig ist. Einerseits repräsentiert die fitra ein Wissen von Gott, das den Menschen von Geburt an eingeboren ist, und andererseits repräsentiert sie ein Medium für die Erkenntnis Gottes durch die notwendige Sinneswahrnehmung der Zeichen (āyāt). Wenn sie das erste ist, dann ist Ibn Taymiyyas Argument klarerweise zirkulär, da es in der Tat darauf hinauslaufen würde, zu behaupten, dass wir durch die fitra, die durch Gott erschaffen ist, erkennen, dass Gott existiert. Wenn sie das zweite ist, dann muss die fitra im Kontext von Ibn Taymiyyas Erkenntnistheorie gesehen werden, welche die Sinneswahrnehmung der Zeichen als das einzige Mittel, durch das Gottes Existenz erkannt werden kann, postuliert – während die beiden anderen Mittel, Vernunft und Offenbarung, von keinem Nutzen für diesen Zweck sind.
Mithin scheint Ibn Taymiyya in der zweiten Interpretation ein gültiges Argument zu bilden, das in einer empirischen Metaphysik gründet. Wenn wir aber seine Aussage so verstehen, dass die fitra ohne das Medium der Zeichen erkennt, dass Gott existiert, dann geht aus seinem Argument ein flagranter Widerspruch hervor. Das kommt noch zu der damit verbundenen Diskrepanz zwischen seiner Erkenntnistheorie und ihrer Anwendung – oder falschen Anwendung – auf die Beweise für die Existenz Gottes hinzu. Diese Schlussfolgerung ist sicherlich zwingend, wenn Ibn Taymiyyas Schriften als synchronisches Ganzes behandelt werden. Und in Ermangelung einer Chronologie seiner Werke stellt sich dieser synchronische Ansatz als die einzige Alternative dar. Allerdings könnte eine Chronologie der Werke von Ibn Taymiyya sich als von entscheidender Bedeutung dafür erweisen, den hervortretenden Widerspruch aufzulösen, insbesondere dann, wenn festgestellt werden könnte, dass seine empirische Metaphysik eine Entwicklung war, die im Anschluss an die Lehre stattfand, dass die Sinneswahrnehmung der Zeichen (āyāt) nicht unerlässlich ist, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass Gott existiert.1
1Eine kurze Fassung dieses Textes wurde im November 1989 bei der 23. Jahrestagung der Middle East Studies Association in Toronto vorgetragen. Ich möchte meinen Gesprächspartnern, den Professoren Charles Butterworth und Paul Walker, für ihre wertvollen Bemerkungen zu einer früheren Fassung dieses Artikels meinen Dank ausdrücken.