Moderne Moralphilosophie: Ausweg oder Irrweg?

Autor: Yusuf Kuhn - Di., 28.05.2019 - 15:41
Textlänge in Buchseiten ca. 9

 
Auf der Suche nach einem Ausweg aus der moralischen Misere begibt Hallaq sich auf den Weg einer moralphilosophischen Grundlagendiskussion.1 Die globale Krise verlangt einen globalen Blick. Die Tiefe ihrer Ursachen erfordert zudem eine grundsätzliche Erörterung des modernen Moralverständnisses weit über die bloß politischen Dimensionen des »unmöglichen Staates« hinaus. Und die zu behandelnden Probleme betreffen keineswegs lediglich dessen »islamische« Gestalt, sondern den modernen Staat selbst. Das Projekt der Moderne samt dem mit ihm untrennbar verbundenen Versuch einer Neufassung der Moral muss daher einer gründlichen Kritik unterzogen werden. Denn – so stellt Hallaq in The Impossible State trefflich fest:

Die grundlegendsten Probleme des modernen Islam sind nicht ausschließlich islamisch, sondern wohnen in der Tat gleichermaßen dem modernen Projekt selbst in Ost und West inne.2

Hallaq stellt in seiner Krisendiagnose insbesondere zwei Probleme heraus, die als Grundbausteine der modernen Moralphilosophie eng miteinander verbunden sind: einerseits die Trennung von Sein und Sollen sowie andererseits das Projekt einer rationalen Begründung der Moral. Bei der Erörterung dieser Fragen stützt Hallaq sich vor allem auf die Untersuchungen von vier herausragenden Vertretern der modernen Moralphilosophie, die mehr oder weniger grundsätzliche Kritiken am modernen Moralverständnis entwickelt haben, namentlich Harold A. Prichard, Charles Larmore, Charles Taylor und Alasdair MacIntyre. Wir wollen in den verbleibenden Kapiteln Hallaq auf diesem Weg zunächst folgen sowie seine Ausführungen in einigen Aspekten vertiefen und erweitern.

  • 1. Siehe den Abschnitt Ein Ausweg?, S. 158 ff.
  • 2. Wael B. Hallaq, The Impossible State: Islam, Politics, and Modernity’s Moral Predicament, New York, Columbia University Press, 2013, S. 163; Hervorhebungen im Original.