4.1 Aufgabe der Moralphilosophie

Autor: Yusuf Kuhn - Di., 28.05.2019 - 15:53

Prichard malt nun ein Szenario, in dem vorausgesetzt wird, dass es moralische Normen und Pflichten gibt, die allerdings in Zweifel gezogen werden, da sie in Konflikt zu Interessen stehen können. Daraus ergibt sich sodann die Frage nach dem Grund, warum man überhaupt diesen Normen und Pflichten nachkommen sollte. Prichard beschreibt das daraus hervorgehende Verlangen, dem die Moralphilosophie entspringt, folgendermaßen:

Jedem, der, präpariert durch seine Erziehung, schließlich und endlich die Last der vielfachen Verpflichtungen des Lebens spürt, wird es irgendwann einmal lästig, ihnen nachzukommen, und er erkennt, daß es auf Kosten von Interessen geht. Wenn ihn so etwas beschäftigt, so wird er sich zwangsläufig die Frage stellen: »Gibt es wirklich einen Grund, warum ich so handeln soll, wie ich nach meiner bisherigen Überzeugung handeln sollte? Kann es nicht sein, daß ich die ganze Zeit über mit dieser meiner Überzeugung einer Täuschung erlegen bin? Könnte ich nicht mit gutem Recht einfach darauf schauen, daß es mir gut geht?« (Prichard, S. 49-50)

Lohnt es sich denn überhaupt, moralisch oder gerecht zu sein, oder ist man damit nicht stets der Dumme, der das Nachsehen gegenüber den Unmoralischen und Ungerechten hat? So fragte schon Glaukon in Platons Politeia zu Beginn des zweiten Buches:

O Sokrates, willst du nur scheinen uns überzeugt zu haben oder uns wirklich überzeugen, daß es auf alle Weise besser ist, gerecht zu sein als ungerecht?1

Prichard greift diese Frage auf, indem er fortfährt:

Doch da er wie Glaucon das Gefühl hat, daß er irgendwie schließlich doch in dieser Weise handeln sollte, verlangt er einen Beweis dafür, daß dieses Gefühl richtig ist. M. a. W., er fragt, »Warum soll ich diese Dinge tun?« und seine und unsere Moralphilosophie ist ein Versuch, darauf eine Antwort zu geben, d. h. durch einen Reflexionsprozeß einen Beweis für die Wahrheit dessen zu liefern, was er und wir vor jeder Reflexion unmittelbar oder ohne Beweis geglaubt haben. (Prichard, S. 50)

Das ist also die geistige Situation, aus der sich das Verlangen nach Moralphilosophie ergibt, wodurch wiederum deren Aufgabe bestimmt wird, nämlich nach der Erschütterung vermeintlicher moralischer Gewissheiten durch einen Prozess der Reflexion oder Begründung einen Beweis dafür zu liefern, dass man auch angesichts möglicherweise entgegenstehender Interessen oder Neigungen moralisch handeln sollte.

An einer anderen Stelle wird noch deutlicher gesagt, worin die Aufgabe der Moralphilosophie besteht:

[…] nämlich uns davon zu überzeugen, daß wir das, was wir unserer bisherigen unreflektierten Überzeugung nach tun sollten, tatsächlich tun sollten, bzw. uns andernfalls zu sagen, was denn die anderen Dinge sind - falls es solche gibt -, die wir wirklich tun sollten, und uns zu beweisen, daß er recht hat. (Prichard, S. 64)

Daran schließt Prichard seine Hauptthese an, derzufolge

[…] dieses Verlangen nicht erfüllt werden kann, und zwar deshalb nicht, weil es illegitim ist. (Prichard, S. 65)

Und wenn dem so sein sollte, wäre freilich nicht nur der Sinn der Moralphilosophie, sondern gar deren Existenz höchst fragwürdig geworden, was Prichard mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringt:

Somit drängt sich die Frage auf: »Gibt es überhaupt so etwas wie Moralphilosophie, und wenn ja, in welchem Sinne?« (Prichard, S. 65)

  • 1. Platon, Politeia, 357b, in der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher.