4.4 Warum überhaupt moralisch sein?

Autor: Yusuf Kuhn - Di., 28.05.2019 - 15:58

Bayertz selbst ist freilich davon überzeugt, dass die Aufgabe der Moralphilosophie nicht auf die von Prichard vorgegebene beschränkt werden muss, und schickt sich daher an, eine alternative Aufgabenbestimmung zu entwickeln. Im Zentrum seiner Überlegungen steht die Frage, die den Titel seines Buches ziert: Warum überhaupt moralisch sein? Lässt sich diese Frage, die sich allererst unter den Bedingungen der modernen Moral mit voller Wucht stellt, unter diesen Bedingungen überhaupt beantworten? Oder ist sie nicht vielmehr lediglich ein Ausdruck der tiefen moralischen Krise, in die das Projekt der Aufklärung, die Moral auf die bloße Vernunft zu gründen, unvermeidlich mündet?

Hier ist nicht der Ort, um dieser Frage tiefer auf den Grund zu gehen. Wir wollen aber einen kurzen Blick auf die Ergebnisse werfen, zu denen Kurt Bayertz durch seinen Versuch, auf die Frage »Warum überhaupt moralisch sein?« eine Antwort zu finden, geführt wurde. Und er meint in der Tat, eine Antwort, auf deren genauen Inhalt an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden kann, gefunden zu haben, allerdings um den Preis, Aufgaben, Ziele und Selbstverständnis der Moralphilosophie weit unter die Ansprüche herunterzuschrauben, die ursprünglich mit dem aufklärerischen Begründungsprojekt verbunden gewesen sind. Bayertz schreibt im für die zweite Auflage des Buches neu geschriebenen Nachwort, in dem er aus der entsprechenden zeitlichen Distanz rückblickend einige Schlussfolgerungen aus seiner Untersuchung zieht:

Unabhängig von ihrer Richtigkeit hat die moralpessimistische Modernitätsdiagnose das ethische Denken in seiner Aufgabenstellung und seinen Theorieidealen nachhaltig geprägt. Der Ethik wurde nun die Aufgabe zugeschrieben, in einer Art rationaler creatio ex nihilo der Moral jene sichere Basis zurückzugeben, die ihr im Zuge der Moderne abhanden gekommen sein sollten (sic!); und die argumentative Auseinandersetzung mit dem Amoralisten fungierte als eine Nagelprobe auf das Gelingen dieses Projekts. In den vorangegangenen Kapiteln dieses Buches dürfte deutlich geworden sein, daß dieses Projekt nicht den erwarteten Erfolg haben konnte, ohne daß wir deshalb gezwungen wären, an der Rationalität der Moral zu zweifeln. – Ziehen wir daraus den Schluß, daß es um die Moral heute nicht besser, aber auch nicht schlechter bestellt ist als zu anderen Zeiten, so können wir das Postulat einer voraussetzungslosen Rechtfertigung der Moral ‹von außen› fallen lassen und das ethische Denken stattdessen als die Reflexion einer existierenden Praxis des moralischen Handelns, Urteilens und Argumentierens auffassen.1

Der grundsätzliche Begründungsanspruch für die Moral wird somit völlig aufgegeben, und zwar hinsichtlich sowohl des Inhalts als auch der Motivation. Die Moralphilosophie setzt die Moral in Theorie und Praxis vielmehr voraus und beschränkt sich auf deren Reflexion, die bestenfalls eine gewisse Rationalität der Moral plausibel machen kann. Bayertz schließt seine Betrachtungen daher mit folgenden Überlegungen:

Die bestmögliche Antwort ist eben eine, die nicht von einem äußeren Standpunkt, sondern vom Boden der Moral aus gegeben wird. Ist sie deshalb zirkulär, wie im Anschluß an Prichard (§ 16) gemutmaßt werden könnte? Setzen wir mit ihr voraus, was zu beweisen wäre? – Die Antwort lautet ‹nein›! Was vorausgesetzt wird, ist nicht ‹die Moral›, sondern die Bereitschaft, moralische Überlegungen und Argumente ernst zu nehmen. Wenn wir nun den Amoralisten beiseite lassen, der ja so definiert ist, daß er diese Bereitschaft nicht besitzt, so stellt das Schadensprinzip eine wichtige handlungsrelevante Information über die Funktion der Moral im potentiell konfliktträchtigen Zusammenleben von Menschen zur Verfügung. Es ordnet die Institution der Moral, ihre konkreten Normen und die auf ihrer Basis gefällten Urteile in einen größeren Zusammenhang ein und macht sie damit besser verständlich. Wer begriffen hat, worum es bei der Moral geht, hat auch einen guten Grund, moralisch zu sein.2

Wenn der Boden der Moral immer schon vorgegeben sein muss, drängt sich die Frage auf, wie groß der Unterschied zum »intuitionistischen Antirationalismus« eines Prichard noch sein kann. Beide scheinen sich jedenfalls darin einig zu sein, dass der Moralphilosophie keine andere Wahl bleibt, als die jeweils bestehende Moral zum Ausgangspunkt zu nehmen, also in ihrem Fall die moderne Moral, ohne diese begründen oder auch grundsätzlich in Frage stellen zu können. Wenn die moderne Moral selbst nun ein wesentlicher Faktor für die Krise der Moral sein sollte, dürften die Aussichten, auf diesem Weg einen Ausweg ausfindig machen zu können, eher trüb sein.

Es sei daran erinnert, was im Abschnitt über Die moralischen Technologien des Selbst bereits zur Frage »Warum überhaupt moralisch sein?« gesagt wurde, denn es mag nunmehr in neuem Licht erscheinen:

Diese Geringschätzung des Moralischen [in der orientalistischen Konzeption des »islamischen Rechts«] passt zu einer Kultur, in deren Moralphilosophie eine Frage zentrale Bedeutung gewinnen konnte, die in der islamischen Tradition niemals gestellt wurde, nämlich: »Warum überhaupt moralisch sein?« Diese Frage kann nur einem Denken entspringen, in dem die Moral als gesonderter Bereich und nicht als selbstverständlich gilt. Darin spiegelt sich ein grundsätzliches Dilemma der Modernität. Die Frage ist schlechterdings modern und hätte sich wohl in keiner vormodernen Kultur gestellt.

Dieser Unterschätzung der »moralischen« Kraft, die in der islamischen Tradition als wesentlicher und integraler Bestandteil des »Rechts« gilt, liegt eine ideologisch bedingte Geringschätzung der Religion, zumindest der islamischen, zugrunde. Die Abscheu gegen die Religion als moralischer Kraft macht blind gegen die Einsicht in die Rolle, welche die Moral tatsächlich auf dem Gebiet des Rechts und umgekehrt spielt. Im Rahmen der modernen moralfeindlichen Denkweise mussten daher andere Erklärungen gesucht und die Geschichtsschreibung entsprechend angepasst werden.

Hallaq richtet dagegen seine Aufmerksamkeit gerade auf die Verwobenheit von Moral und Recht in der islamischen Kultur. So stellt sich nicht die Frage »Warum überhaupt moralisch sein?«, deren Antwort für muslimische Rechtsgelehrte allzu offensichtlich war, um eine entsprechende Stellung wie in der modernen Moralphilosophie einnehmen zu können, sondern vielmehr die Frage: Wie wird das moralische Subjekt gebildet?3

  • 1. Kurt Bayertz, Warum überhaupt moralisch sein?, München, 2014, Nachwort; Hervorhebungen im Original.
  • 2. Ebenda; Hervorhebungen im Original.
  • 3. Siehe den Abschnitt Die moralischen Technologien des Selbst, S. 131 ff.