[Die Anhänger von Ibn Tūmart]1 hatten einen Tag, den sie »den Tag des Kriteriums« (yawm al-furqān)2 nannten und an dem er, wie er behauptete, zwischen den »Leuten des Gartens« und den »Leuten des Feuers« zu unterscheiden pflegte. All jene, von denen sie wussten, dass sie zu ihren Freunden gehörten, reihten sie unter die Leute des Gartens ein und versicherten sie des Schutzes ihres Blutes. Und jene, von denen sie wussten, dass sie zu ihren Feinden gehörten, reihten sie unter die Leute des Feuers ein und erklärten das Vergießen ihres Blutes für statthaft. Sie erklärten somit für statthaft, das Blut von Abertausenden von mālikitischen Leuten des Maghreb zu vergießen, die unter den Leuten [die] dem Buch und der Sunna gemäß dem Weg von Mālik [ibn Anas]3 [folgten] und den Leuten von Medina waren. Sie pflegten in der Tat den Qurʾān und beispielsweise den ḥadīt̠ der zwei Ṣaḥīḥ4, den Muwaṭṭaʾ und andere Sammlungen davon zu rezitieren – und die Rechtsgelehrsamkeit (fiqh) gemäß dem Weg der Leute von Medina [zu praktizieren]. Er behauptete mithin, dass sie verkörperlichende Assimilationisten (Sing.: mušabbih muǧassim) waren, obgleich sie nicht unter den Leuten [die] einer solchen Lehre (maqāla) [folgten] waren, und es ist von keinem Gefährten von Mālik bekannt, dass er öffentlich von der Assimilation [Gottes an Seine Geschöpfe] und der Verkörperlichung [von Ihm] gesprochen hat.
Auf der Grundlage von solchen und ähnlichen Interpretationen (taʾwīl) erklärte [Ibn Tūmart] es ebenfalls für statthaft, den Besitz von [diesen Leuten zu konfiszieren] und andere verbotene [Handlungen] der gleichen Art [zu begehen], wie sie von den reduktionistischen (muʿaṭṭil) Ǧahmiten5, wie etwa die Philosophen, die Muʿtaziliten und die übrigen Verneiner der [göttlichen] Attribute, für statthaft erklärt worden waren in Bezug auf die Leute der Sunna und der Gemeinschaft (ahl as-sunna wa-l-ǧamāʿa), als sie während des Kalifats von al-Maʾmūn6 Leute Prüfverfahren unterzogen. Sie haben öffentlich gesagt, dass der Qurʾān erschaffen ist und dass Gott im Jenseits nicht geschaut wird. Sie verneinten auch, dass Gott ein Wissen oder eine Macht oder eine Rede oder einen Willen oder irgendeines der durch Sein Wesen bestehenden Attribute hat. Jeden, der mit ihnen in diesem Reduktionismus übereinstimmte, pflegten sie des Schutzes seines Blutes und seines Besitzes zu versichern, mit offiziellen Ämtern zu betrauen und mit Unterhalt aus dem Schatzamt zu versorgen, sein Zeugnis anzunehmen und aus der Gefangenschaft auszulösen. Jeden, der mit ihnen in der Erschaffenheit des Qurʾān und ihren doktrinären Neuerungen (bidʿa), die daraus folgten, nicht übereinstimmte, pflegten sie zu töten oder ins Gefängnis zu werfen, zu schlagen oder Gaben aus dem Schatzamt zu verweigern; sie betrauten ihn nicht mit einem offiziellen Amt, nahmen sein Zeugnis nicht an und lösten ihn nicht von den Ungläubigen aus.7 Sie pflegten zu sagen: »Hier ist ein Assimilationist (mušabbih); hier ist ein Verkörperlicher (muǧassim), weil er sagt, dass Gott im Jenseits geschaut wird und dass der Qurʾān die unerschaffene Rede Gottes ist, dass Gott auf dem Thron sitzt«8 und ähnliche Dinge.
Diese Inquisition (miḥna), die den Muslimen auferlegt wurde, dauerte mehr als zehn Jahre: das Ende des Kalifats von al-Maʾmūn und die Kalifate von seinem Bruder al-Muʿtaṣim9 und von al-Wāṯiq,10 dem Sohn von al-Muʿtaṣim. Gott, der Erhabene, hat sodann diese Heimsuchung von der Gemeinschaft fortgenommen, während der Regentschaft von al-Mutawakkil ʿalā Llāh11 - und aus den Reihen seiner Nachfahren, nicht der Nachfahren jener, die den Leuten der Sunna die Inquisition auferlegt hatten, ließ Gott die Gesamtheit der [späteren] abbasidischen Kalifen hervorgehen.12 Al-Mutawakkil gab den Befehl, die Inquisition aufzuheben, die Autorität (iẓhār) von Qurʾān und Sunna wiederherzustellen und die [Überlieferungen] zu berichten, deren Herkunft vom Propheten, Gott möge ihn segnen und ihm Frieden gewähren, den Gefährten und ihren Nachfolgern wohl bestätigt ist, [die göttlichen Attribute] zu bestätigen und den Reduktionismus zu widerlegen.
Indem sie die Religion [durch andere Dinge] ersetzten (tabdīl), sind die reduktionistischen Ǧahmiten so weit gegangen, auf die Bedeckung der Kaʿba zu schreiben: »Nichts ist Ihm gleich, und Er ist der Mächtige, der Weise.«13 Sie sagten nicht: »… und Er ist der Hörende, der Sehende«14, und sie pflegten Leute Prüfverfahren zu unterziehen durch das [Rezitieren dieses] Wortes Gottes, des Erhabenen: »Nichts ist Ihm gleich …«. Wenn die Leute dann sagten: »… und Er ist der Hörende, der Sehende«, verurteilten sie sie. Nun besteht der Weg (mad̠hab) der Altvorderen (salaf) der Gemeinschaft und ihrer Imāme indes darin, Gott mittels dessen zu beschreiben, womit Er Sich Selbst beschrieben hat, und mittels dessen, womit Sein Gesandter Ihn beschrieben hat, weder mit Abänderung (taḥrīf) noch mit Reduktion (taʿṭīl), und weder mit Auferlegung eines »Wie« (takyīf) noch mit Angleichung (tamt̠īl). [Die Leute der Sunna] verneinen daher von Gott nicht, was Er von Sich Selbst ausgesagt hat, und sie gleichen Seine Attribute nicht den Attributen Seiner Geschöpfe an. Sie wissen vielmehr, dass Ihm nichts gleicht, weder in Hinsicht auf Sein Wesen noch in Hinsicht auf Seine Attribute, noch in Hinsicht auf Seine Handlungen. Genauso wie Sein Wesen nicht den Wesen [der Geschöpfe] gleicht, so gleichen Seine Attribute nicht ihren Attributen. Gott, der Erhabene, hat die Gesandten geschickt, und sie haben Ihn mittels einer detaillierten Affirmation [von Seinen Attributen] (it̠bāt mufaṣṣal) und einer allgemeinen Negation [von jeglicher Angleichung] (nafy muǧmal) beschrieben, wohingegen die Feinde der Gesandten – die ǧahmitischen Philosophen und ihresgleichen – Ihn mittels einer detaillierten Negation [von Seinen Attributen] (nafy mufaṣṣal) und einer allgemeinen Affirmation [von Seiner Existenz] (it̠bāt muǧmal) beschreiben.15
1Der Begründer und mahdī der almohadischen Bewegung (gest. 524/1130). «Was [Ibn Tūmart] über tawḥīd gesagt hat, war in der Tat, was die Verneiner der Attribute – Ǧahm, Ibn Sīnā und ihresgleichen – sagen« (Ibn Taymiyya, Darʾ at-taʿāruḍ, übersetzt in: Yahya Michot, A Mamlūk Theologian’s Commentary I, S. 179).
2Vgl. den Namen der 25. sūra des Qurʾān, nämlich: al-Furqān.
3Theologe und Rechtsgelehrter (gest. in Medina, 179/796), Namensgeber von einer der vier Schulen des sunnitischen Rechts und Verfasser von Muwaṭṭaʾ.
4Die zwei bedeutendsten ḥadīt̠-Sammlungen, von al-Buḫārī (gest. Ḫartank, 256/870) und Muslim an-Naysābūrī (gest. 261/875).
5Den Anhängern der theologischen Lehren von Ǧahm ibn Ṣafwān, Abū Muḥriz (gest. 128/746). Ibn Taymiyya macht Ǧahm zu einem Schüler von Ǧaʿd ibn Dirham (gest. 124/742) und einem Vorläufer der Muʿtaziliten.
6Al-Maʾmūn, Abū al-ʿAbbās ʿAbd Allāh ibn Hārūn ar-Rašīd, 7. abbasidischer Kalif (Regierungszeit 196/812–218/833).
7Als die abbasidischen Behörden Tausende von muslimischen Gefangenen im Jahr 231/846 von den Byzantinern auslösten, weigerten sie sich mit Bedacht, das Lösegeld von jenen zu bezahlen, die das Dogma von der Erschaffenheit des Qurʾān nicht annahmen; siehe Henri Laoust, Une fetwà d’Ibn Taimīya sur Ibn Tūmart, S. 173, Anm. 1.
8Siehe Qurʾān, Ṭāʾ Hāʾ, 20:5.
9Al-Muʿtaṣim bi-Llāh, Abū Isḥāq ibn Hārūn ar-Rašīd, 8. abbasidischer Kalif (Regierungszeit 218/833–227/842).
10Al-Wāṯiq bi-Llāh, Abū Ǧaʿfar Hārūn ibn al-Muʿtaṣim, 9. abbasidischer Kalif (Regierungszeit 227/842–232/847).
11Al-Mutawakkil ʿalā Llāh, Abū l-Faḍl Ǧaʿfar ibn Muḥammad, 10. abbasidischer Kalif (Regierungszeit 232/847–247/861).
12Mit der Ausname von al-Mustaʿīn (Regierungszeit 248/862–252/866) und al-Muhtadī (Regierungszeit 255/869–256/870).
13Imaginärer Qurʾān-Vers, zusammengesetzt aus dem Anfang von Qurʾān, aš-Šūrā, 42:11, und der Formel »... und Er ist der Mächtige, der Weise”, mit der mehrere Qurʾān-Verse enden (zum Beispiel an-Naḥl, 61:60, und al-ʿAnkabūt, 29:42).
14Das heißt das wirkliche Ende von Qurʾān, aš-Šūrā, 42:11, das von den Muʿtaziliten als zu anthropomorphistisch erachtet wurde.
15Ibn Taymiyya, Maǧmūʿ al-fatāwā, Bd. 11, S. 478–80.