Für viele der späteren Beobachter ist der kalām-theologische Weg, der von den Ǧahmiten und Muʿtaziliten erfunden und von den Altvorderen (salaf) der Gemeinschaft und ihrer Imāme verurteilt worden ist, selbst zur Religion des Islam geworden. Sie glauben sogar, dass jeder, der sich ihm widersetzt, sich der Religion des Islam widersetzt, obgleich weder ein Koranvers noch ein Prophetenwort (ḫabar noch irgendeiner der Gefährten und derjenigen, die ihnen im Gutes-Tun nachgefolgt sind, über die Urteile und Beweise [, die] in diesem [theologischen Weg gefunden werden,] gesprochen haben. Wie könnte denn die Religion des Islam oder vielmehr die Grundlage der Grundlagen der Religion des Islam zu den Dingen gehören, die weder von einem Buch noch von einer Sunna noch von den Worten von irgendeinem der Altvorderen (salaf) bestätigt worden sind?
Die Häretiker (mulḥid) – die Philosophierenden und andere – sind im Islam später in Erscheinung getreten. Sie sind nach dem Ende der begünstigten Epochen1 aufgetreten und haben sich ausgebreitet. Sie beginnen in der Tat zu jeder Zeit und an jedem Ort in Erscheinung zu treten, wo das Licht des Islam schwächer wird. Zu den Gründen für ihr Auftreten gehört der Umstand, dass sie der Meinung waren, dass die Religion des Islam nichts anderes war als das, was jene [ğahmitischen und muʿtazilitischen] Neuerer sagten, und dass sie dies als ein Verderbnis in der Vernunft (fasād fī l-ʿaql) erachteten. Sie erachteten mithin die wohlbekannte Religion des Islam als ein Verderbnis in der Vernunft, und die Radikalsten (ġulāt) von ihnen griffen die Religion des Islam in ihrer Gesamtheit an, mit ihren Händen und ihrer Zunge; beispielsweise die Ḫurramiten – die Anhänger von Bābak al-Ḫurramī2 - die Qarmaṭen von al-Baḥrayn – die Anhänger von Abū Saʿīd al-Ǧannābī3 - und andere.
Was die Gemäßigten unter ihnen und die Verständigen betrifft, so waren sie der Ansicht, dass in dem, was Muḥammad, Gott möge ihn segnen und ihm Frieden gewähren, gebracht hatte, etwas Gutes und etwas Förderliches (ṣalāḥ) war, das nicht verunglimpft werden konnte. Oder vielmehr gestanden die Scharfsinnigen (ḥād̠iq) unter ihnen zu, was Ibn Sīnā und andere gesagt haben, nämlich dass kein vorzüglicherer nómos (nāmūs) als der nómos von Muḥammad, Gott möge ihn segnen und ihm Frieden gewähren, in die Welt gekommen ist.4 Dieses Urteil war eine notwendige Konsequenz ihres Intellektualismus (ʿaql) und ihrer Philosophie. Sie hatten in der Tat die griechischen Autoren der nómoi studiert und gesehen, dass der von Moses und Jesus gebrachte nómos viel größer war als die nómoi von jenen. Das ist der Grund, warum sie, als der nómos von Jesus, dem Sohn der Maria, Friede sei mit ihm, nach Byzanz (rūm) kam, von der griechischen Philosophie zur Religion des Messias übergingen.
Aristoteles lebte etwa dreihundert Jahre vor dem Messias, dem Sohn der Maria, Friede sei mit ihm. Er war der Wesir von Alexander, dem Sohn von Philipp dem Mazedonier, der die Perser schlug, nach dem die Daten heute gemäß der byzantinischen Ära5 festgesetzt werden und nach dem auch die Juden und Nazarener die Daten festsetzen. Dieser Alexander ist nicht der Zwiegehörnte (d̠ūl-qarnayn), der im Qurʾān6 erwähnt wird, wie ein Gruppe von Leuten meint. Jener [D̠ū l-Qarnayn] war früher als Alexander, und dieser frühere ist derjenige, der die Sperre von Gog und Magog errichtete, wohingegen der Mazedonier diese Sperre nicht erreichte. Jener [D̠ū l-Qarnayn] war ein Muslim, ein Monotheist, wohingegen dieser Mazedonier ein Götzenverehrer war. Er und die Leute seines Landes – die Griechen – waren Götzenverehrer, die Sterne und Idole anbeteten. Es ist gesagt wurden, dass der letzte ihrer Könige Ptolemäus, der Verfasser des Almagest war.7 Nach [ihm] gingen [die Griechen] zur Religion des Messias über. Der nómos, mit dem der Messias gesandt worden war, war fürwahr größer und erhabener.
Auch nachdem sie die Religion des Messias geändert und [mit anderen Dingen] ersetzt hatten, sind die Nazarener der Rechtleitung Gottes und der Religion des Wahren näher als jene Philosophen, die Götzenverehrer waren. Und diese krasse Beigesellung von Teilhabern der letzteren gehört zu den Dingen, die das Verderben der Religion des Messias‛ notwendig nach sich zogen, wie von einer Gruppe von Leuten des Wissens festgestellt wurde. Jene waren, so sagten sie, wahrlich Götzenverehrer; sie verehrten die Sonne, den Mond, die Sterne, und sie warfen sich vor ihnen nieder, während Gott, der Erhabene, nur den Messias mit der Religion des Islam gesandt hat, genauso wie Er die übrigen Gesandten mit der Religion des Islam gesandt hatte, die darin besteht, Gott allein anzubeten, ohne Ihm einen Teilhaber beizugesellen […]
Der Messias, Gottes Segen sei auf ihm, wurde mit dem gesandt, womit die Gesandten vor ihm gesandt worden waren: dem [Gebot zur] Anbetung Gottes allein, ohne Ihm einen Teilhaber beizugesellen. Er erlaubte den Leuten manche der Dinge, die ihnen in der Thora verboten worden waren. Seine Anhänger hielten sich für eine gewisse Zeit an seine Religion (milla) – es wurde gesagt: weniger als hundert Jahre. Danach traten unter ihnen Neuerungen in Erscheinung aufgrund ihrer Feindschaft gegenüber den Juden. Sie begannen danach zu streben, sich ihnen entgegenzustellen; und so erhoben sie übertriebene Behauptungen über den Messias; sie erklärten Dinge für statthaft, die er verboten hatte, und sie erlaubten [den Verzehr von] Schwein usw. Wegen des Hanges zur Beigesellung der Völker erfanden sie Teilhaber [für Gott]. Diese Beigeseller – die Griechen, die Byzantiner (rūm) und andere – pflegten sich vor der Sonne, dem Mond und den Idolen niederzuwerfen. Die Nazarener brachten sie dazu, von der Verehrung von verkörperten Idolen, die einen Schatten haben, auf die Verehrung von figürlichen Abbildungen (tamt̠īl muṣawwar) in den Kirchen überzugehen; und sie brachten diese Neuerung auf, die darin besteht, gen Osten zu beten. Sie beteten mithin in Richtung des Ortes, wo die Sonne, der Mond und die Sterne erscheinen; und sie pflegten in ihre Richtung zu beten und sich in ihre Richtung niederzuwerfen als Ersatz dafür, zu ihnen zu beten und sich vor ihnen niederzuwerfen.
Damit ist hier gemeint, dass der nómos und die Religion der Nazarener, nachdem sie ihre Religion [mit anderen Dingen] ersetzt haben, immer noch besser ist als die Religion jener Griechen, Anhänger der Philosophen. Und das ist der Grund, warum die Philosophen, die die Religion des Islam gesehen haben, sagen, dass der nómos von Muḥammad, Gott möge ihn segnen und ihm Frieden gewähren, vorzüglicher ist als die Gesamtheit der nómoi. Sie haben gesehen, dass er vorzüglicher ist als die nómoi der Nazarener, der Magier und der anderen. Sie haben daher die Religion von Muḥammad, Gott möge ihn segnen und ihm Frieden gewähren, nicht angegriffen, wie jene Philosophen, die das Freidenken zur Schau stellten, ihn angegriffen haben. Sie sahen, dass in dem, was jene kalām-Theologen sagen, Dinge sind, die dem widersprechen, was aus klarer Vernunft hervorgeht (ṣarīḥ al-maʿqūl); sie griffen sie dafür an und begannen zu sagen, dass jemand, der gerecht ist, kein Fanatiker ist und nicht seiner Laune folgt, nicht sagt, was jene [Theologen] sagen über den Anfang und die Rückkehr [der Geschöpfe] (al-mabdaʾ wa-l-maʿād).
Diese [Philosophen, die den nómos von Muḥammad preisen,] sagten [nichtsdestotrotz] auch einer verdorbenen Vernunft entspringende Dinge, die sie von ihren Vorläufern (salaf), den Philosophen, gelernt hatten.8 Sie sahen, dass das, was in einer mannigfach bestätigten Weise (tawātara) von den Gesandten kam, in Widerspruch zu diesen Dingen stand, und sie schlugen daher ihren esoterischen (bāṭinī) Weg ein. Sie sagten, dass die Gesandten das Wissen und die Wahrheiten, auf denen der Beweis in theoretischen Dingen gegründet ist, nicht dargelegt haben (bayyana). Sodann gibt es manche von ihnen, die sagten, dass die Gesandten dies wussten, es aber nicht dargelegt hatten, während andere sagten, dass sie es nicht wussten, sondern lediglich in der praktischen Weisheit hervorragend waren, nicht in der theoretischen Weisheit: Sie sprachen das gemeine Volk (ǧumhūr) mit einer Rede an, die [sie Dinge] imaginieren lässt (taḫyīlī) und sie hinsichtlich des Glaubens an Gott und den Letzten Tag Dinge imaginieren lässt, da der Glaube an sie nützlich war, um sie zu beherrschen (siyāsa), auch wenn dies ein nichtiger Glaube war, der den wirklichen Dingen (ḥaqāʾiq) nicht entsprach. Diese Philosophierenden erlauben nicht die Interpretation (taʾwīl) jener [Rede], weil ihrer Ansicht nach durch sie darauf abgezielt wird, [die Leute Dinge] imaginieren zu lassen; nun ist aber Interpretation mit einem solchen Ziel unverträglich. Sie anerkennen die gottesdienstlichen Handlungen, aber sagen, dass das, worauf durch sie abgezielt wird, ist, die moralische Verfassung der Seele zu bessern. Sie mögen ebenfalls sagen, dass für die Elite jener, die die wahren Wirklichkeiten wissen, diese [Handlungen] aufgehoben sind.
Die doktrinäre Neuerung (bidʿa) jener [frühen ğahmitischen und muʿtazilitischen] kalām-Theologen gehörte mithin zu den Dingen, welche die Häresie dieser Häretiker beförderte.9
1Die ersten drei muslimischen Generationen, auf die bereits in Text II angespielt wurde.
2Gewalttätiger Anführer der Ḫurramī-Rebellion in Ād̠arbayǧān während der Regentschaft von al-Maʾmūn und al-Muʿtaṣim, hingerichtet in Sāmarrā 223/838.
3Qarmaṭischer Anführer, der Ostarabien beherrschte, von der Armee des Kalifen al-Muʿtaḍid geschlagen und 301/913 ermordet wurde.
4Siehe Avicenna, ar-Risāla al-Aḍḥawīya fī l-maʿād, in: F. Lucchetta, Avicenna. Al-Risālat al-Aḍḥawiyya fī l-maʿād, Epistola sulla Vita Futura. I. Testo arabo, traduzione, introduzione e note, Pubblicazioni dell’Istituto di Storia della Filosofia e del Centro per Ricerche di Filosofia Medioevale, Nuova serie, 5, Padova: Editrice Antenore, »Università di Padova«, 1969, S. 84–5; Ibn Taymiyya, Maǧmūʿ al-fatāwā, Übersetzer Yahya Michot, A Mamlūk Theologian’s Commentary I, S. 175–6; Yahya Michot, Ibn Taymiyya on Astrology, Annotated Translation of Three Fatwas, in: Journal of Islamic Studies 11.2, 2000, S. 147–208, hier S. 182–3.
5D.h. die seleukidische Ära; siehe den ähnlichen Text, übersetzt und mit Anmerkungen versehen in: Yahya Michot, A Mamlūk Theologian’s Commentary II, S. 341–3.
6Siehe Qurʾān, al-Kahf, 38:83–98; Yahya Michot, A Mamlūk Theologian’s Commentary II, S. 342, Anm. 112.
7Ibn Taymiyya betrachtet Claudius Ptolemäus, den griechischen Astronomen, Astrologen und Geographen von Alexandria (gest. ca. 168) als den größten der Astrologen, verwechselt ihn aber meistens mit dem letzten König der ptolemäischen Dynastie; siehe Yahya Michot, A Mamlūk Theologian’s Commentary II, S. 341–2.
8— E ap. cr.: wa raaw ... al-falāsifa E
9Ibn Taymīya, Minhāǧ as-sunna an-nabawīya, Bd. 1, S. 315–9 und 320–2.