5.3.2 II. Geschwächter Sunnismus und das Aufblühen von Neuerungen, einschließlich Philosophie, von der Übersetzungsbewegung unter al-Maʾmūn bis zu den Ayyūbiden

Autor: Yusuf Kuhn -

Die Hochachtung der Imāme der Gemeinschaft und ihrer Allgemeinheit für die Sunna, den ḥadīt̠ und ihre Leute (ahl) hinsichtlich der Prinzipien und der abgeleiteten Zweige [der Religion] – Worte und Taten – ist so groß, dass sich hier eine besondere Erwähnung erübrigt. Man stellt fest, dass immer dann, wenn der Islam und der Glaube sichtbar und stark sind, die Sunna und ihre Leute sichtbarer und stärker sind; wohingegen, wenn irgendein Unglaube und Heuchelei auftreten, Neuerungen in entsprechendem Maße aufkommen. Beispielsweise gilt dies für die Regentschaft (dawla) von al-Mahdī1, ar-Rašīd2 und anderen [Regenten], die den Islam und den Glauben hochgeachtet haben und Feldzüge gegen seine Feinde – die Ungläubigen und die Heuchler – durchführten; in jenen Tagen waren die Leute der Sunna stärker und zahlreicher, während die Leute der Neuerungen unterwürfiger und weniger waren. Al-Mahdī tötete in der Tat eine Anzahl von heuchlerischen Freidenkern (zindīq), die niemand zählen kann außer Gott, während ar-Rašīd viele Feldzüge durchführte und viele Pilgerfahrten machte.

Als das abbasidische Reich sich ausdehnte, gab es in der Tat unter den Leuten des Orients und den Nicht-Arabern, die sie unterstützten, Gruppen von jenen, die der Prophet, Gott möge ihn segnen und ihm Frieden gewähren, kennzeichnete, indem er sagte: »Es wird dort Ungemach (fitna) geben.«3 Zu jener Zeit kamen viele der Neuerungen auf. Es geschah auch in jener Zeit, dass eine Gruppe von Büchern der Nicht-Araber – der persischen Magier4, der byzantinischen (rūm) Ṣābianer5 und der indischen Götzenverehrer – in das Arabische übersetzt wurden. Al-Mahdī gehörte zu den Vorzüglichsten der abbasidischen Kalifen und den Besten von ihnen in Sachen des Glaubens, der Gerechtigkeit und der Großzügigkeit. Er gelangte mithin auch an den Punkt, wo er zur Tat gegen die heuchlerischen Freidenker schritt.

Die abbasidischen Kalifen kamen der Verpflichtung, die Gebete zu ihren [vorgeschriebenen Zeiten] zu verrichten, besser nach als die Umayyaden. Die letzteren pflegten in der Tat oftmals die Zeiten des Gebets verstreichen zu lassen, wie von ihnen im ḥadīt̠ gesagt wird: »Nach mir wird es Emire geben, die das Verrichten des Gebets über seine Zeit hinaus verzögern. Verrichte das Gebet zur rechten Zeit, und betrachte die Gebete, die du mit ihnen verrichtest, als übergebührlich!«6 Gleichwohl wurden während der drei vorzüglichen Generationen7 für gewöhnlich Neuerungen unterdrückt, war das Recht (šarīʿa) mächtiger und sichtbarer und wurde dem Führen des ǧihād gegen die Feinde der Religion – die Ungläubigen und die Heuchler – größere Bedeutung beigemessen.

Die Ḫurramiten8 und andere Heuchler wie sie traten während der Regentschaft von Abū l-ʿAbbās al-Maʾmūn in Erscheinung, und Bücher der Alten (al-awāʾil), die aus den Ländern der Byzantiner gebracht wurden, wurden in das Arabische übersetzt, wodurch sich die Lehren der Ṣābianer verbreiteten. Er führte einen Briefwechsel mit den Königen der Götzenverehrer – den Indern und ihresgleichen – fort, so dass sich zwischen ihm und ihnen freundschaftliche Beziehungen (mawadda) entwickelten.

Als Unglaube und Heuchelei unter den Muslimen auftrat, wie sie es taten, als die Lage der Götzenverehrer und der Leute des Buches stark wurde, wie es geschah, war eine der Folgen das, was in Erscheinung trat von der Macht, welche die Ǧahmiten, die Rāfiḍiten9 und die anderen Leute des Irrtums erlangten, und von dem Aufstieg der Ṣābianer und ihresgleichen unter den Philosophierenden. Und dies durch eine Reihe von Ideen, die von ihren Urhebern für vernünftig und gerecht (ʿadl) erachtet wurden, obgleich sie nichts anderes sind als Unwissenheit und Ungerechtigkeit! Wahrlich, den Gläubigen und den Heuchler oder den Muslim und den Ungläubigen als Gleiche zu behandeln, ist die größte Ungerechtigkeit. Was das Suchen nach Leitung von den Leuten des Irrtums betrifft, so ist es die größte Unwissenheit. Die ğahmitische Inquisition (miḥna) hatte darin ihren Ursprung, wobei die Gemeinschaft sogar die Prüfung durchlaufen musste, dazu gezwungen zu werden, die [göttlichen] Attribute zu negieren und als Lügen zu erachten, dass Gott spricht und [im Jenseits] geschaut wird. Imām Aḥmad [ibn Ḥanbal]10 und andere durchliefen folglich die Prüfungen, die sie durchliefen, aber die Angelegenheit wäre zu lang, um [hier] berichtet zu werden.

Der Islam gewann in den Tagen von al-Mutawakkil seine Stärke zurück, so dass die geschützten Leute (ahl ad̠-d̠imma) wieder dazu genötigt waren, die Bedingungen [die für sie aufgestellt worden waren] von [dem Kalifen] ʿUmar11 zu erfüllen und unterwürfig (ṣiġār) zu sein. Die Sunna und die [islamische] Gemeinschaft (ǧamāʿa) gewannen ihre Stärke zurück, und die Ǧahmiten, die Rāfiḍiten und ihresgleichen wurden unterdrückt. Desgleichen in den Tagen von al-Muʿtaḍid12, al-Mahdī, al-Qādir13 und den anderen Kalifen, die eine löblichere Lebensweise pflegten und einem besseren Pfad folgten als die anderen: in ihren Zeiten war in entsprechendem Maße der Islam mächtiger und so auch die Sunna.

Während der Regentschaft der Būyiden14 und ihresgleichen war es umgekehrt. Die verschiedenen Arten von tadelnswerten Doktrinen [zirkulierten] in der Tat unter ihnen. Es gab Freidenker unter ihnen. Es gab unter ihnen auch viele Qarmaṭen15 und Philosophierende, Muʿtaziliten und Rāfiḍiten; und diese Dinge waren unter ihnen reichlich vorhanden, so dass sie davon überwältigt wurden. In ihren Tagen trat eine zuvor unbekannte Schwächlichkeit (wahan) unter den Leuten des Islam und der Sunna auf, mit der Folge, dass die Nazarener die Grenzfestungen des Islam eroberten,16 die Qarmaṭen sich in Ägypten ausbreiteten, den Westen, den Osten und andere [Regionen],17 und viele Entwicklungen stattfanden.

Da das Königtum von Maḥmūd ibn Sebüktigīn18 zu den besten Königreichen seiner Stammesgenossen gehörte, wurden der Islam und die Sunna in seiner Regierungszeit mächtiger. Er hat Feldzüge gegen die Götzenverehrer – die Leute von Indien – durchgeführt und Gerechtigkeit in einem außergewöhnlichen Maße verbreitet. In seinen Tagen war die Sunna sichtbar, während die Neuerungen in seinen Tagen unterdrückt wurden.

Gleiches gilt für den Sulṭān Nūr ad-Dīn Maḥmūd19, der Syrien regierte: In seiner Zeit waren die Leute des Islam und der Sunna mächtig, während die Ungläubigen und die Leute der Neuerungen – jene der Rāfiḍiten, der Ǧahmiten und ihresgleichen, die in Syrien, Ägypten und anderswo waren – unterworfen wurden. Gleiches gilt auch in seiner Zeit für das Kalifat der ʿAbbāsiden und das Wesirat von Ibn Hubayra20, der ihnen diente. Er gehörte zu den vorbildlichsten Wesiren des Islam, und deshalb trug er für den Islam und den ḥadīt̠ in einer Weise Sorge, wie kein anderer es vermochte.21


1Al-Mahdī, Abū ʿAbd Allāh Muḥammad, 3. abbasidischer Kalif (Regierungszeit 158/775–169/785).

2Ar-Rašīd, Hārūn ibn Muḥammad ibn ʿAbd Allāh, 5. abbasidischer Kalif (Regierungszeit 170/786–193/809).

3Siehe Ibn Ḥanbal, al-Musnad, 6 Bände, Kairo: al-Bābī al-Ḥalabī, 1313/[1896], anastatischer Nachdruck: Beirut: al-Maktab al-Islāmī, 1403/1983, Bd. 2, S. 143. Der Prophet sagte dies dreimal und deutete dabei mit seiner Hand in Richtung Irak.

4D.h. der Zoroastrier.

5Die Ṣābianer von Ḥarrān, die noch lange nach der Ausbreitung des Islam in ihrer Region einen alten Planetenkult aufrechtzuerhalten vermochten.

6Siehe Muslim, al-Ǧāmiʿ aṣ-Ṣaḥīḥ, 8 Bände, Konstantinopel, 1334/[1916], anastatischer Nachdruck: Beirut: al-Maktab at-Tiǧārī li-ṭ-Ṭibāʿa wa-n-Našr wa-t-Tawzīʿ, o.D., Bd. 2, S. 120; Ibn Ḥanbal, Musnad, Bd. 5, S. 159.

7Die ersten drei Generationen der Muslime: die Gefährten des Propheten, ihre Nachfolger und deren Nachfolger.

8Ḫurramīya, oder Ḫurramdīnīya (vom persischen ḫurram-dīn, «freudige, angenehme Religion”), bezeichnete ursprünglich die religiöse Bewegung von Mazdak im allgemeinen. Später wurde es verwendet für verschiedene iranische, anti-arabische und oftmals aufrührerische Sekten, die von mazdakistischen und manichäistischen Lehren sowie von extremistischen schiitischen Doktrinen beeinflusst wurden. Ḫurramiten wurden oftmals identifiziert mit der Muslimīya, Anhänger des anti-umayyadischen Anführers Abū Muslim (gest. 137/755), die letzteren als ihren Imām, Propheten oder als Inkarnation des göttlichen Geistes betrachteten.

9Pejorative Bezeichnung für die Šīʿīten, welche die ersten drei Kalifen »ablehnen« (rafaḍa).

10Aḥmad ibn Ḥanbal (gest. Baġdād, 241/855), Theologe, Rechtsgelehrter und Traditionist, Namensgeber einer der vier Schulen des sunnitischen Rechts.

11ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb, der zweite Kalif (gest. 23/644).

12Al-Muʿtaḍid bi-Llāh, Abū l-ʿAbbās Aḥmad ibn Ṭalḥa, 16. abbasidischer Kalif (Regierungszeit 279/892–289/902).

13Al-Qādir bi-Llāh, Abū l-ʿAbbās Aḥmad ibn Isḥāq, 25. abbasidischer Kalif (Regierungszeit 381/992–422/1031).

14Zwölferschiitische iranische Dynastie, die den abbasidischen Kalifen in Baġdād von 334/945 bis 447/1055 kontrollierte.

15Eine ismāʿīlitische Sekte.

16Anspielung auf die militärischen Erfolger der Byzantiner Nicephorus Phocas und Johannes Tzimisces über die Ḥamdāniden in Aleppo nach 350/961.

17Anspielung auf die fāṭimidische Dynastie, begründet 297/909 durch den Ismāʿīliten ʿUbayd Allāh al-Mahdī in Nordafrika. Ǧawhar, General des vierten fāṭimidischen Kalifen al-Muʿizz, eroberte Ägypten und begann 358–359/969–970 mit dem Bau von Kairo.

18Sulṭān der türkischen Ġaznawiden-Dynastie von Afġānistān (Regierungszeit 388/998–421/1030).

19Nūr ad-Dīn Maḥmūd ibn Zankī, Sulṭān der Ayyūbiden-Dynastie von Syrien (Regierungszeit 541/1146–569/1174).

20Ibn Hubayra, ʿAwn ad-Dīn Abū l-Muẓaffar Yaḥyā ibn Muḥammad (gest. 560/1165), Wesir der ʿabbāsidischen Kalifen al-Muktafī und al-Mustanǧid während der letzten 16 Jahre seines Lebens, Schutzherr der ḥanbalitischen Schule und Verfasser, neben anderen Werken, von Kommentaren über die ḥadīt̠-Sammlungen von al-Buḫārī und Muslim.

21Ibn Taymiyya, Maǧmūʿ al-fatāwā, Bd. 4, S. 20–3.