Die Rede von Ǧahm und von jedem, der mit ihm darin übereinstimmt, dass Glaube lediglich Erkenntnis und Fürwahrhalten (taṣdīq) ist und dass jemand allein dadurch Belohnung und Glückseligkeit verdient, gleicht annähernd der Rede jener unter den peripatetischen Philosophen und ihren Anhängern, die sagen, dass die Glückseligkeit des Menschen lediglich in seiner Erkenntnis der Existenz, wie sie ist, besteht. Desgleichen sind die Dinge, welche die Ǧahmiten und diese Philosophen hinsichtlich der Fragen von [göttlichen] Namen und Attributen und hinsichtlich der Fragen von [göttlichem] Zwang (ǧabr) und Bestimmung (qadar) sagen, einander nahe; und desgleichen hinsichtlich der Fragen bezüglich des Glaubens. Wir haben andernorts davon ausführlich gesprochen und einige der verdorbenen [Ideen], die darin enthalten sind, klar dargelegt; beispielsweise, dass Erkenntnis eine der zwei Vermögen der Seele ist, da die Seele zwei Vermögen hat – das Vermögen von Erkenntnis und Fürwahrhalten sowie das Vermögen von Wille und Handlung – genauso wie das Tier zwei Vermögen hat – das Vermögen der Empfindung und das Vermögen der willentlichen Bewegung.
Nun besteht aber die Rechtschaffenheit (ṣalāḥ) des Menschen und seiner Seele nicht lediglich in der Erkenntnis der Wahrheit, ohne1 sie zu lieben, sie zu wollen und ihr zu folgen. Desgleichen besteht seine Glückseligkeit nicht lediglich in seiner Erkenntnis Gottes und Bezeugung dessen, was Er verdient [an Namen, Attributen und Mächten], ohne Gott zu lieben, Gott zu dienen, Gott zu gehorchen. Der Mensch, der die heftigste Peinigung am Tag der Auferstehung erleidet, ist ja sogar ein Gelehrter, den Gott keinen Nutzen aus seinem Wissen hat ziehen lassen. Wenn ein Mensch die Wahrheit weiß, sie hasst und ihr Feind ist, verdient er den Zorn Gottes und Seine Bestrafung – etwas, das jemand, der nicht so ist wie er, nicht verdient. Desgleichen gibt es in jemandem, der nach der Wahrheit strebt und auf der Suche nach ihr ist, aber kein Wissen hat von dem, was er sucht, und von dem Weg, der zu ihr führt, Irregehen, und er verdient von der [göttlichen] Verdammung – die darin besteht, weit entfernt von Gottes Barmherzigkeit zu sein – etwas, das jemand, der nicht wie er ist, nicht verdient. Das ist der Grund, warum Gott, der Erhabene, uns geboten hat, zu sagen: ».Leite uns den geraden Weg, den Weg jener, denen Du Deine Segnungen erteilt hast, nicht jener, die (von Dir) verdammt wurden, noch jener, die irregehen!«2 »Jene, die (von Gott) verdammt wurden,« wussten die Wahrheit, aber liebten sie nicht und folgten ihr nicht. »Jene, die irregehen,« strebten nach der Wahrheit, aber auf eine unwissende und irregehende Weise hinsichtlich ihrer und des Weges, der zu ihr führt. Die ersteren sind die Entsprechung eines zügellosen Gelehrten, die anderen die Entsprechung eines unwissenden Anbeters. Die erste Lage ist die der Juden, sofern sie Leute sind, »die (von Gott) verdammt wurden«. Die andere Lage ist die der Nazarener, sofern sie »irregehen«. Es ist in der Tat vom Propheten, Gott möge ihn segnen und ihm Frieden schenken, wohlbekannt, dass er sagte: »Die Juden sind Leute, die (von Gott) verdammt wurden, und die Nazarener gehen irre.«3 Die Lage der Philosophierenden ist schlechter als jene der Juden und der Nazarener, sofern sie die Unwissenheit der letzteren und ihr Irregehen und die Zügellosigkeit der ersteren und ihre Ungerechtigkeit miteinander verbinden. Es ist mithin,was Unwissenheit und Ungerechtigkeit betrifft, etwas in ihnen, das es weder in den Juden noch in den Nazarenern gibt; was sie dazu führte, die Glückseligkeit lediglich als die Erkenntnis der wahren Naturen der Dinge (ḥaqīqa) zu aufzufassen, wodurch der Mensch zu einer intelligiblen Welt wird, die der existierenden Welt entspricht.
Überdies sind [die Philosophierenden] zu nichts gelangt außer zu einem winzigen Teil der Erkenntnis Gottes, Seiner Namen und Seiner Attribute, Seiner Engel, Seiner Bücher und Seiner Gesandten, Seiner Schöpfung und Seines Befehls. Ihre Unwissenheit ist daher größer als ihr Wissen, und ihr Irregehen ist größer als ihre Rechtleitung. Sie schwankten zwischen einfacher Unwissenheit und komplexer Unwissenheit hin und her. Was sie über Physik und Mathematik sagen, ist weder für die Vervollkommnung der Seele noch für ihre Rechtschaffenheit und Reinheit förderlich, da dieser Zustand nur durch die Wissenschaft der Gotteslehre herbeigeführt wird. Nun ist aber das, was sie über letztere sagen, wie »das Fleisch eines mageren Kamels auf der Spitze eines pfadlosen Berges: er ist nicht leicht zu besteigen, und es ist kein Fett zu verspeisen.«4 Was sie über den Notwendig-Existierenden sagen, ist fürwahr etwas, das zwischen einem kleinen bisschen Wahrheit und einer großen Menge von nichtigen, verderblichen [Ansichten] hin und her schwankt.
Gleiches [gilt] für das, was sie über die Intelligenzen und die Seelen sagen, von denen ihre Nachfolger unter den Anhängern der religiösen Konfessionen (milla) behaupten, dass sie die Engel seien, über die die Gesandten [die Leute] unterrichtet haben. Die Angelegenheit ist jedoch nicht so. Ihre Behauptung, dass jene die Engel sind, ist ja sogar von der gleichen Art wie ihre Behauptung, dass der Notwendig-Existierende die absolute Existenz unter der Bedingung der Absolutheit ist (al-wuǧūd al-muṭlaq bi-šarṭ al-iṭlāq), obgleich sie anerkennen, dass das Absolute unter der Bedingung der Absolutheit nicht [existiert] außer im Geist!5 Was sie darüber hinaus über die Intelligenzen und die Seelen sagen, geht, wenn es einer wahrhaft Untersuchung (taḥqīq) unterzogen wird, zurück auf Dinge, die in Gedanken angenommen werden und der Wirklichkeit im Konkreten ermangeln. Und indem sie dies sagen, stellen sie zudem Gott Teilhaber zur Seite, affirmieren sie [die Existenz von] einem Herrn außer Ihm, Urheber (mubdiʿ) der ganzen Welt, aber von Ihm verursacht, und affirmieren sie [die Existenz von] einem Herrn, Urheber von allem, was unter der Sphäre des Mondes ist, [obgleich er] von einem Herrn über ihm verursacht [ist], wobei letzterer [seinerseits] von einem Herrn über ihm verursacht ist… All dies ist viel abscheulicher als das, was die Nazarener vorbringen, wenn sie sagen, dass der Messias der Sohn Gottes ist, wie andernorts ausführlich dargelegt.
Die früheren [Philosophen] hatten zum Prophetentum überhaupt nichts zu sagen, und die späteren sind darüber verwirrt. Unter ihnen sind manche, die es insgesamt als Lügen betrachten, wie Ibn Zakarīyāʾ ar-Rāzī6 und seinesgleichen es taten – obgleich sie von dem Entstehen (ḥudūt̠) der Welt sprachen, pflegten sie die Existenz von fünf urewigen [Entitäten] zu affirmieren und von den [verschiedenen] Lehren die schlechtesten und verderblichsten zu übernehmen. Unter ihnen sind auch einige, welche die Wahrheit des [Prophetentums] anerkennen, auch wenn sie von der Urewigkeit der Welt sprechen, wie etwa Ibn Sīnā und seinesgleichen. Sie geben allerdings [dem Propheten] den gleichen Status wie einem gerechten König, und sie machen aus der Gesamtheit des Prophetentums etwas von der Art, was manchen der Rechtschaffenen geschieht – Enthüllen (kašf), Ausüben eines Einflusses (taʾt̠īr) und Imaginieren (taḫyīl). Sie erachten in der Tat drei Dinge als eigentümlich für den Propheten: das Vermögen zur rechten Intuition (al-ḥads aṣ-ṣāʾib), die sie »das heilige Vermögen« nennen; das Vermögen [, das darin besteht,] mittels seiner Seele einen Einfluss in der Welt zu haben; das Vermögen der Empfindung, durch das er die Intelligibilia hört und sieht, wie er sie in seiner Seele imaginiert. Die Rede Gottes besteht für sie aus den Klängen, die in seiner Seele sind, und Seine Engel sind die Formen und die Lichter, die in den Seelen der [Propheten] sind. Diese Eigenschaften werden [auch] von der Mehrheit der Leute der Übung und Reinigung (ahl ar-riyāḍa wa-ṣ-ṣafāʾ) erlangt. Das ist der Grund, weshalb ihnen zufolge das Prophetentum erworben (muktasab) werden kann. Ein jeder von jenen, die auf dem Pfad dieser [Philosophierenden] wandeln, wie as-Suhrawardī – der getötet wurde -, Ibn Sabʿīn der Maġribiner7 und ihresgleichen, versuchte schließlich das Prophetentum zu erlangen und ersehnte, dass zu ihm gesagt werde: »Stehe auf und warne!«8 Dieser9 pflegte zu sagen: »Ich werde nicht sterben, bis zu mir gesagt wird: Stehe auf und warne!«, während jener10 in Mekka zu bleiben und in der Höhle von Ḥirāʾ zu weilen pflegte, indem er danach trachtete, dass dort Offenbarung auf ihn herabkomme, wie sie [dort] auf den in Gewänder Eingehüllten und Eingewickelten (al-muzzammil al-muddat̠t̠ir)11 [Propheten] auf ähnliche Weise herabgekommen ist. Ein jeder von ihnen und von ihresgleichen betreibt verschiedene Praktiken der Phantasmagorie (sīmiyāʾ), die zur Magie gehört, und imaginiert (tawahhama), dass die Wunder der Propheten von der gleichen Art sind wie die Magie eines Phantasmagorikers (sīmāwī).
Jemand wie Ibn ʿArabī12 und seinesgleichen, für den es nicht möglich ist, das Prophetentum zu erlangen zu versuchen, und auch nicht, es zu besitzen vorzugeben, weil er um das Wort des wahrhaftigen und als wahr erwiesenen [Gesandten]: »Kein Prophet nach mir!«13 weiß, versucht, etwas zu erlangen, das, so behauptet er, höher als das Prophetentum ist. Er gibt daher vor, dass Freundschaft (walāya) größer ist als Prophetentum und dass das Siegel der Freunde größer ist als das Siegel der Propheten, dass der Freund [sein Wissen] von Gott ohne Vermittler bezieht, wohingegen der Prophet es durch die Vermittlung des Engels bezieht. Diese [Idee] gründet auf dem [folgenden] Prinzip jener der Philosophen, denen sie folgen: Die Engel sind ihnen zufolge lichthafte, imaginäre Gestalten, die in der Seele des Propheten oder des Gottesfreundes repräsentiert werden (taṣawwara). Die Engel sind ihnen zufolge mithin etwas, das er in seiner Seele imaginiert (taḫayyala). Der Prophet bezieht ihnen zufolge [sein Wissen] durch die Vermittlung dieses Aktes der Imagination (taḫayyul), wohingegen der Gottesfreund sein intellektuelles Wissen ohne solch einen Akt der Imagination bezieht. Nun gibt es keinen Zweifel, dass jemand, der Wissen ohne Imagination bezieht, vollkommener ist als jemand, der es durch Imagination bezieht. Da sie über das Prophetentum das glauben, was jene Philosophierenden glauben, gelangen sie schließlich dazu, zu sagen, dass Gottesfreundschaft größer als Prophetentum ist, genauso wie viele der Philosophen sagen, dass der Philosoph größer als der Prophet ist. Das ist in der Tat, was al-Fārābī, Mubaššir ibn Fātiq14 und andere sagen. Diese sagen auch, dass das Prophetentum das vorzüglichste der Dinge ist, insofern das gemeine Volk, nicht die Elite, betroffen ist. Das Kennzeichen des Propheten ist, so sagen sie, eine hervorragende [Kraft], [die Leute Dinge] imaginieren zu lassen (taḫyīl) und [sie] zu imaginieren (taḫayyul).
[Sodann] kamen jene, die Philosophie in der Modellform der Freundschaft hervorbrachten und vom »Freund« sprachen, um den Philosophierenden zu bezeichnen, die Ideen der Philosophen aufgriffen und sie in der Form einer [mystischen] Enthüllung und einer [göttlichen] Anrede (muḫāṭaba) hervortreten ließen. Der Freund, so sagten sie, ist größer als der Prophet, da er die abstrakten (muǧarrad) Ideen von Gott bezieht ohne die Vermittlung eines Aktes der Imagination von etwas in seiner Seele, wohingegen der Prophet sie von Gott bezieht durch die Vermittlung von Formen und Klängen, die er in seiner Seele imaginiert.
Solche Verleumdung war ihnen jedoch nicht genug: Sie stellten sogar die Behauptung auf, dass alle Propheten und Gesandten ihr Wissen um Gott von der Nische des Siegels der Gottesfreunde ableiten. Die letztere ist allerdings unter den Geschöpfen das unwissendste über Gott und das von der Religion Gottes am weitesten entfernte. Darüber hinaus besteht für sie das Wissen um Gott darin, zu wissen, dass Er die absolute Existenz ist, die in die seienden Wesenheiten ausströmt. Die Existenz jedes Existierenden ist mithin auf identische Weise die Existenz des Notwendig-Existierenden. Dies zu sagen, entspricht in Wirklichkeit dem, was von den naturalistischen Eternalisten (dahrīya ṭabīʿīya) gesagt wird, die leugnen, dass die Welt einen Urheber hat, der sie hervorgebracht hat, d.h. einen Notwendig-Existierenden an sich. Oder sie sagen vielmehr sogar, dass die Welt selbst notwendig existierend an sich ist. Was jene [Leute] wirklich sagen, ist somit schlimmer als das, was die divinalistischen Eternalisten (dahrīya ilāhīya) sagen, und bei genauer Untersuchung (taḥqīq) geht es zurück auf das, was die naturalistischen Eternalisten sagen.15
1— : lā E
2Qurʾān, al-Fātiḥa, 1:6–7.
3Siehe Ibn Ḥanbal, Musnad, Bd. 4, S. 378–9.
4Zu dem ḥadīt̠ von Umm Zarʿ, der diese Metapher enthält, und weiteren Texten von Ibn Taymiyya, in denen er verwendet wird, siehe Yahya Michot, A Mamlūk Theologian’s Commentary II, S. 345–6, Anm. 130.
5Zu Ibn Taymiyyas Typologie der absoluten Existenz, siehe Yahya Michot, A Mamlūk Theologian’s Commentary II, S. 360–3.
6Abū Bakr Muḥammad ibn Zakarīyāʾ ar-Rāzī (Rhazes für die Lateiner; gest. 313/925 oder 323/935), Arzt und Philosoph, der alle Propheten als Hochstapler betrachtete und von fünf ewigen Entitäten ausging, die dem Kosmos vorausgehen: Gott, Seele, Materie, Raum und Zeit.
7Quṭb ad-Dīn Abū Muḥammad ʿAbd al-Ḥaqq ibn Sabʿīn, Philosoph und Mystiker (Murcia, 613/1217–Mekka, 668/1269).
8Siehe Qurʾān, al-Muddat̠t̠ir, 74:2.
9As-Suhrawardī; siehe Ibn Taymiyya, Maǧmūʿ al-fatāwā, übersetzt in: Yahya Michot, A Mamlūk Theologian’s Commentary I, S. 183–4.
10Ibn Sabʿīn; siehe Ibn Taymiyya, Maǧmūʿ al-fatāwā, übersetzt in: Yahya Michot, A Mamlūk Theologian’s Commentary I, S. 184.
11Siehe Qurʾān, al-Muzzammil, 73:1; al-Muddat̠t̠ir, 74:1.
12Muḥyī d-Dīn Abū ʿAbd Allāh Muḥammad ibn al-ʿArabī, Theosoph und Mystiker (Murcia, 560/1165–Damaskus, 638/1240).
13Siehe Muslim, Ṣaḥīḥ, Bd. 6, S. 17; Ibn Ḥanbal, Musnad, Bd. 2, S. 172.
14Ägyptischer Gelehrter und Historiker, ca. 5./11. Jh., Adept der Philosophie und Medizin, Verfasser einer umfangreichen Anthologie, die fast gänzlich den alten griechischen Sagen gewidmet ist: Muḫtār al-ḥikam wa-maḥāsin al-kalim (Auswahl der Sinnsprüche und gefälligen Sprichwörter), verfasst 440/1048–9.
15Ibn Taymiyya, Šarḥ ḥadīt̠ Ǧibrīl, 496–509 (= Maǧmūʿ al-fatāwā, Bd. 7, S. 585–90).